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Besondere Veranstaltungen in der Marktgemeinde und der Propstei

Bildergalerie von der Auffahrt der Glocken auf den Turm
Bildergalerie von der Glockenweihe am 19.09.2016
Die Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.


Eine neue Glocke für die Marktkirche

Bildergalerie vom Glockenguss in Lauchhammer am 22. Juli 2016

Freitag 22. Juli, kurz vor halb Sieben. Nach und nach treffen die angemeldeten Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die dabei sein wollen bei der Fahrt ins brandenburgische Lauchhammer, auf dem Parkplatz vor der Kaiserpfalz ein. Es sind Mitglieder des Kirchenvorstands der Marktgemeinde, die den Guss einer neuen Schlagglocke in Auftrag gegeben hat, aber auch Menschen aus anderen Goslarer Gemeinden und sogar ein Ehepaar aus Bad Harzburg. Heinz Fischer, der ehemalige Marktkirchenpfarrer, merkt beim Einsteigen an, dass er in all seinen Dienstjahren so manches erlebt habe - aber er hat noch nie zugeschaut, wenn eine neue Glocke entsteht. So geht es den allermeisten in der Gruppe.

Die Busfahrt zieht sich; immerhin liegt Lauchhammer 340 km entfernt. Die Fahrt führt an Halle vorbei, Leipzig, Dresden, dann fährt der Bus ein Stück Richtung Berlin und erreicht schließlich den Zielort. OSL steht auf den Nummernschildern der Autos: Oberspreewald-Lausitz. Der "Industriepark", durch den wir fahren, ist eine Mischung aus Resten der Industrie früherer Tage, wohl eher mäßig erfolgreichen Infrastrukturbemühungen der Nachwendezeit und Brachland.

Die Kunstgießerei selbst aber liegt malerisch und wirkt, als sei die Zeit stehen geblieben. Wir erfahren, dass die Gießerei schon seit dem frühen 18. Jahrhundert besteht und damit Zeugnis von einer sehr frühen Phase der Industrialisierung abgelegt. Das in dieser Region vorkommende hochwertige Rasenerz bewegte seinerzeit den Landesherrn, entsprechende Manufakturen zu begründen. Deshalb schaut die Gießerei auf eine lange Tradition auch des Glockengusses zurück, die allerdings in DDR-Zeiten unterbrochen war. Während dieser Jahre war Lauchhammer die größte Kunstgießerei der DDR. Ob Lenin oder Marx: Alles, was auf einen Sockel passte, aus Bronze war und mit heroischer Miene ins Land schaute - es kam mit hoher Wahrscheinlichkeit aus Lauchhammer. Nach der Wende kaufte die im Hessischen ansässige Firma Rincker die Kunstgießerei und begründete die Glockengusstradition neu. Wir sind gespannt auf das Schauspiel, das sich uns beim Guss unserer Glocke darbieten wird.

Zuvor aber geht es in die nahe gelegene Kirche. Das heißt: Sie war einmal eine Kirche. Jetzt ist sie eine Dorfgemeinschaftshaus-Kulturzentrum-Kirchen-Mehrzweckhalle. Dort, wo einmal der Hohe Chor war, befindet sich heute eine Bühne. Im Eingangsbereich eine Theke - Kneipenatmosphäre. Beim Hereinkommen dudelt Unterhaltungsmusik. Einer, der hier verantwortlich zu sein scheint, begrüßt uns freundlich über eine offensichtlich auf Gesang ausgelegte Verstärkeranlage. Gut, dass Carsten Jelinski, der als Pressevertreter mitgereist ist, auch als Organist beschlagen ist. Sein einfühlsames Spiel und die wohlgesetzten Worte von Marktkirchenpfarrerin Karin Liebl sorgen dafür, dass doch gottesdienstliches Flair aufkommt. So sind wir gut vorbereitet für den Glockenguss, der sich nun anschließen soll.

Warum braucht die Marktkirche eine neue Glocke? Es geht nicht um das Geläut, das zum Gottesdienst einlädt. Sondern es sind die beiden stählernen Schlagglocken in der Spitze des Nordturmes, die der Erneuerung bedürfen. Sie waren nach dem Zweiten Weltkrieg im Turm angebracht worden, um akustisch die Zeit anzusagen. Die originalen Glocken waren, wie an so vielen Orten im Land, vom Turm geholt worden, damit aus ihrer Bronze Kanonen werden sollten. Glücklicherweise blieb ihnen dieses Schicksal erspart. Beide Glocken, die größere, die die vollen Stunden anzeigt, wie die kleinere für die Viertelstunden, kehrten vom "Glockenfriedhof" in Hamburg nach Goslar zurück. Die größere der beiden steht seither im Seitenschiff der Kirche nahe des Nordturms und diente in den zurückliegenden Jahrzehnten als Friedensmahnmal.

Irgendwie hatte sich in der Gemeinde die Ansicht durchgesetzt, sie sei beschädigt und funktionsuntüchtig. Als vor einiger Zeit der von der Landeskirche bestellte Glockensachverständige die stählernen Glocken, die aktuell den Dienst der Zeitansage versehen, als erneuerungsbedürftig einstufte, wurde die alte, nach Goslar zurückgekehrte Glocke geprüft. Es stellte sich heraus, dass sie keineswegs beschädigt ist und wie in früheren Zeiten wieder als Schlagglocke fungieren kann. Ebenfalls vom Glockenfriedhof in Hamburg zurückgekehrt war jene Glocke, die in der Marktgemeinde als Zwillingsglocke angesehen wurde. Sie lädt heute im Kloster Riechenberg vor den Toren der Stadt Goslar zum Gottesdienst ein. Dort soll sie auch bleiben, denn sie passt nicht zu der größeren, originalen Glocke.

So reifte, auch auf Empfehlung des Glockensachverständigen, der Entschluss, ein neues, passendes Gegenstück gießen zu lassen. Es ist dem Engagement des Fördervereins der Marktgemeinde, großzügigen Einzelspenden wie auch einem Zuschuss seitens der Landeskirche zu danken, dass bald zwei aufeinander abgestimmte Glocken im Nordturm die Zeitansage übernehmen werden, gesteuert von der historischen Weule-Uhr, deren Werk unterhalb der Turmhaube aufgestellt ist. Anders als die stählernen Glocken, deren Haltbarkeit auf ca. 70 Jahre begrenzt ist, können bronzene Glocken Jahrhunderte überdauern.

Zwischen 1120 und 1140 Grad heiß ist die Legierung aus Bronze und Zinn, aus der Glocken gegossen werden. Entsprechend glüht der Tiegel rot, in dem sich das flüssige Metall befindet. Vom Meister der Werkstatt haben wir unsere Plätze angewiesen bekommen in der alten Halle. Uns kommt der Abstand ein bisschen gering vor, was auch an der deutlich spürbaren Hitze, die von dem Tiegel ausgeht, liegen mag. Dafür können wir nun alles gut sehen. Zuerst wird mit einem überdimensionalen Schöpflöffel die Schlacke von dem hell orange leuchtenden Metall entfernt, dann hebt eine Art Kran den Tiegel über die Öffnung, in die das glühende Material fließen soll. Die Gussform ist nicht "fest gemauert in der Erden", wie Friedrich Schiller es in seinem Gedicht beschreibt. Das ist nur bei großen Glocken nötig. Unsere ist noch in einer Dimension, dass schwere, aus Beton gegossene, übereinander liegende Ringe die zuvor in mühevoller Arbeit angefertigte Form zu halten vermag. Sonst aber ist alles wie schon vor Jahrhunderten. Der Meister steigt auf die Form, um den Guss dirigieren zu können. Eine Minute später ist schon alles Entscheidende geschehen. Auf die Öffnung wird Holzkohle geschüttet, damit der nun folgende tagelange Prozess des Abkühlens überall gleichmäßig geschieht.

Ob der Guss geglückt ist? In nur wenigen Fällen, so erfahren wir in dem sich anschließenden Vortrag durch den Glockengussmeister, scheitert der Guss. Ist die Glocke abgekühlt und aus der Form befreit, prüft ein Glockensachverständiger ihren Klang. Mit ein bisschen Glück stimmt alles auf Anhieb. Manchmal wird auf der Innenseite der Glocke noch etwas Material weggenommen, damit genau der gewünschte Ton erreicht wird. Inzwischen wissen wir: Unsere Glocke ist genauso geworden, dass sie gemeinsam mit ihrer größeren und bereits bewährten Zwillingsglocke künftig in viertelstündigem Abstand vom Turm der Marktkirche erklingen wird.

Am Montag, den 31. Oktober, dem Reformationstag, werden die beiden Glocken im Anschluss an einen Gottesdienst geweiht werden.

Gegen 21 Uhr kehrt unsere Reisegruppe nach Goslar zurück. Und alle finden, dass das Erlebte die lange Fahrt gelohnt hat.

Thomas Gunkel



Maria auf dem salomonischen Thron

Der vorletzte Beitrag der Kirchenseiten-Reihe zum Reformations-Themen-jahr "Bild und Bibel" beschäftigt sich mit einer Mariendarstellung in der Neuwerkkirche

Foto: H.Hädrich

Die Neuwerkkirche, die ja eigentlich Stiftskirche "St. Maria in horto" (Heilige Maria im Rosengarten) heißt, bietet den Besuchenden ein prachtvolles, herrlich warmes Bild an: In der Wölbung der Hauptapsis fällt der Blick auf die zentrale, außergewöhnlich reiche Malerei. Propst i.R. Dieter Jungmann schreibt im Neuwerk-Kirchenführer treffend: "Der prächtige Thron Mariens ist durch Stufen erhöht und von einer großen Regenbogenmandorla umgeben. Die darauf sitzende Himmelskönigin mit golden schimmernder Krone beherrscht den gesamten Raum. Nahezu plastisch sind Krone und Thron hervorgehoben. Die Gloriole Marias überstrahlt die des Sohnes."

Maria abgebildet auf dem salomonischen Thron also - für evangelische Christinnen und Christen ein ungewöhnlicher Anblick. Die evangelische Kirche kennt ja keine ausgeformte Marienanbetung, wenn Maria auch in einer der sogenannten Bekenntnisschriften, in der "Konkordienformel", ausdrücklich als "Mutter Gottes" bezeichnet wird.

ie Darstellung der auf dem goldenen Thron sitzenden Maria, umgeben von den sieben Gaben des Heiligen Geistes auf himmelsblauen Grund zeigt sie uns beinahe wie eine weibliche Gottheit.

Wird durch die Erhebung der Mutter Jesus zur Heiligen einem Menschen Götzendienst erwiesen, oder werden in Maria weibliche Dimensionen des Göttlichen verehrt? Verleiht die Erhebung Marias zur Gottesmutter den Frauen eine besondere Würde? Oder führt die Idealisierung der einen jungfräulichen Mutter zur Diskriminierung aller Frauen, die sich eben auf die irdische Existenz mit Leib und Seele einlassen?

Martin Luther schreibt über Maria:

Darum, wer sie ehren will, darf sie nicht allein sich vor Augen stellen, sondern muss sie vor Gott und weit unter Gott stellen und sie dort (aller falschen Herrlichkeit) entkleiden und ihre Nichtigkeit ansehen, wie sie sagt. Danach soll er sich über die überschwengliche Gnade Gottes wundern, der ein solches geringes, nichtiges Menschenkind so reichlich und gnädig ansieht, umfängt und benedeit. Durch diesen Anblick wirst du bewegt, Gott zu lieben und zu loben bei solchen Gnaden, und du wirst dadurch angereizt, dich alles Guten von solchem Gott zu versehen, der geringe, verachtete, nichtige Menschen so gnädig ansieht und nicht verschmäht, so dass dein Herz gegen Gott in Glaube, Liebe und Hoffnung gestärkt wird.

Was meinst du, dass ihr Lieberes begegnen mag, als dass du durch sie so zu Gott kommst und an ihr lernst, auf Gott zu trauen und zu hoffen, wenn du auch verachtet und vernichtet wirst, worin immer das geschehe, im Leben oder im Sterben? Sie will nicht, dass du zu ihr kommst, sondern durch sie zu Gott. (Das Magnificat verdeutscht und ausgelegt.)

Luthers Deutung betrifft vor allem die falsche Praxis der Marienverehrung. Maria müsse eher als "arme Magd" gesehen werden, nicht als "Himmelskönigin". Der Marienkult soll christologisch gereinigt werden.

Nach einem nachlassendem Interesse an dem Thema "Maria" wird Maria erst im 19. Jahrhundert wiederentdeckt. Auf evangelischer Seite schwankt man zwischen warmem Verständnis und deutlicher Ablehnung der Mariologie.

Was bedeutet uns Maria heute?

Die evangelische Theologie konnte im Zuge der feministischen Theologie Ende der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts einiges wiederentdecken, was ihr im Laufe der Zeit verlorenging-freilich als Entfaltung von voller Menschlichkeit im Angesichte Gottes, nicht als Glaubenssätze über Maria, die Mutter Jesu. Insbesondere die Beziehung Eva - Maria (weibliche Archetypen: Jungfrau, Braut, Mutter) wurde gerne hervorgehoben, weist sie doch auf die Sehnsucht nach mütterlicher Geborgenheit, nach Unschuld inmitten von Schuldverstrickungen, nach einer Kirche, die nicht nur den Verstand und das Gewissen anspricht, sondern auch das Herz und das Gemüt erfasst.

Die Frage nach Maria ist darüber hinaus Anlass zu gemeinsamen Nachdenken von Christinnen und Christen, wie die historische Hypothek der Frauenfeindlichkeit in allen Kirchen weiter abgebaut und die Sexismen in einer immer noch männlich dominierten Theologie überwunden werden können.

Ist die Zeit reif für eine ökumenische Neuinterpretation von Maria? Ich meine: Ja!

In einer Zeit zunehmender religiöser Unbedarftheit, könnte uns zum Beispiel die große Tradition der Mystik wieder die Weite und die Tiefe der Glaubenserfahrung schenken, die in der Marien-Tradition ihren klaren und schönen Ausdruck findet.

Karin Liebl



Kunstwerk sammelt Spenden in der Marktkirche

Kinetische Skulptur "Amor" brachte über 1.000 Euro Spenden ein.

Der Bad Lauterberger Kinetik-Künstler Detlef Hänsel hatte etwas Gutes im Sinn, als er Mitte März 2015 in der Goslarer Marktkirche gleich neben den Altarstufen ein ungewöhnliches Kunstobjekt installierte. Das große, einer Maschine ähnelnde Objekt, hat mit Glitzerfolie bespannte, schwingende Flügel, ein rotes Herz, das sich windet, während ein goldener Bohrer in dieses eindringt.

Das alles und noch mehr erlebte der Betrachter, wenn er einen Euro in die Spenden-Kasse des Kunstobjektes einwarf. Mehr als 1.000 Menschen haben seither den "Amor" in Bewegung gesetzt, und damit für künftige Kunstausstellungen in der Marktkirche gespendet.

Idee kam über Erich Fromms Lehre von der produktiven Liebe

Jüngst übergab Hänsel den Spendenerlös von 1.000 Euro an Pfarrer Ralph Beims. "Ich hätte nicht gedacht, dass 1.000 Euro so schwer sind", bemerkte der Künstler als der die reichlich acht Kilo schwere Schatulle mit den Münzen übergab. Die Idee für Amor liege schon länger zurück. Eine einfache, Bogenspannende, mechanische Konstruktion kam für den Kinetik-Künstler nicht in Frage. "Erich Fromms Lehre von der produktiven Liebe war dann der Schlüssel in der Entstehungsgeschichte", sagte der 66-Jährige.

Sinnbild des produktiven Liebe aus Rädern, Motoren und Transmissionen

"Produktive Liebe ereilt einen nicht, dafür muss man selbst was tun. Da geht es um Verantwortung, um behüten, befördern, um Achtung - also um einen aktiven Prozess. Das alles konnte ich nur in einer komplexen Kunstmaschine zum Ausdruck bringen", berichtet Hänsel. So wurden schrottreife Teile einer alten Ständerbohrmaschine, wieder aufpoliert, zum Ausgangspunkt. Mit Elektromotoren, Räderwerken und Transmissionen bildete er das Sinnbild "der produktiven Liebe" ab.

Die Spendensammlung war ein großer Erfolg

Pfarrer Ralph Beims dankte dem Künstler für sein Engagement bei dieser Spendenaktion und freute sich über den "gewichtigen Schatz", wie er ihn nannte, für weitere Kunstvorhaben in der Marktkirche.

Die Spendenaktion endete am 20.09.2015 mit dem Abbau der kinetischen Skulptur. Herr Hänsel bedankt sich auf diesem Wege beim Kirchenvorstand und Pfarrer Ralph Beims für die Gastfreundschaft, die Ihm und seinem Kunstwerk für ein halbes Jahr in der Marktkirche gewährt wurde, sowie für die Unterstützung bei dieser einmaligen Aktion.

Auf den guten Erfahrungen mit dieser Aktion aufbauend, und in Anbetracht der nennenswerten Spendensumme, plant Hänsel weitere Spendenaktionen vermittels seiner Kunstmaschinen.

"Das derzeit für jedermann sichtbare, schreckliche Flüchtlingsdrama, und die ständig wachsende Flut von neuankommenden Flüchtlingen in Deutschland, sind für mich Anlass, mit meinen künstlerischen Mitteln, Spenden-Geld für die Flüchtlingshilfe in den Landkreisen Goslar und Osterode zu sammeln."



Winter-Synode 2014 am 13.11.2014

Prof. Dr. Hans-Martin Gutmann referierte zum Thema "Gott im Milieu"

Wenn man nicht wüsste, dass er ein hochkarätiger Theologe ist, würde man ihn für einen begnadeten Pianisten halten. Prof. Dr. Hans-Martin Gutmann von der Universität Hamburg ist beides. Bei der Propsteisynode 13.11.2014 zum Thema "Gott im Milieu" faszinierte er die Synodalen auf der wissenschaftlichen ebenso wie auf der musikalischen Ebene. Welche Bedeutung die sozialen und die kulturellen Milieus nach heutigem Stand der Wissenschaft für Kirche und Glauben haben - die Ausführungen hierzu unterbrach er mehrmals durch ein hinreißendes Klavierspiel, das bekannte Kirchenlieder mit Jazz-Elementen zu einem "milieuübergreifenden" Genuss machte.

Unsere Welt, so seine Ausgangsthese, ist durch zunehmende Mobilität in vielen Bereichen gekennzeichnet. Die meisten Menschen suchen ihre eigene individuelle Lebensperspektive. "Ganz gleich, ob man das gut findet: Wir leben in einer faktisch multireligiösen und multikulturellen Gesellschaft."

Die Milieuforschung versucht, die unterschiedlichen Lebensstile, Lebenslagen und Geschmacksrichtungen in Milieutypen zu erfassen. Da Orientierung zu finden, ist auch für die Kirchen wichtig: Mit welchen Menschen hat die Kirche zu tun? Wie "ticken" sie? Was erwarten sie? Auch die EKD ging in ihrer 4. Mitgliedschaftsuntersuchung von sechs Lebensstiltypen aus: Hochkulturelle, Bodenständige, Mobile, Kritische, Gesellige, Zurückgezogene. Wie Menschen die Kirche erleben, das machte Gutmann deutlich, hänge zum Beispiel beim Gottesdienst deutlich von ihrer Milieuzugehörigkeit ab. Das gelte auch für den in den verschiedenen Lebenswelten sehr unterschiedlichen Musikgeschmack - von gregorianischen Liturgiestücken über barocke Gesangbuchlieder bis hin zu Taizégesängen oder Neil Diamonds "morning has broken". Jedoch solle man die Milieutypen nicht als "Wahrnehmungsraster" missverstehen, sie vielmehr als hilfreiche "Brille" betrachten, um die soziale und kulturelle Wirklichkeit besser in den Blick zu bekommen. Gutmann plädierte deshalb für einen aufmerksamen, aber gelassenen Blick auf diese Forschung.

In den Denkpausen zwischen den einzelnen Teilen des Referats führte er am Klavier vor, wie man auch das traditionelle Liedgut für unterschiedliche Milieus öffnen kann. Das anschließende Gespräch zeigte, wie sehr es ihm gelungen war, die Hörerinnen und Hörer zu berühren.

Dr. Hans W. Schünemann, Vorsitzender Propsteisynode

Homepage von Prof. Hans-Martin Gutmann

Download des Vortrages Gott im Milieu


„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Nachlese zur 2. Goslarer Bürgerkanzel am 08.09.2013 mit dem Künstler Prof. Gerd Winner

Propst Gunkel erläutert zu Beginn des Gottesdienstes die Zielsetzung der „Bürgerkanzel“. Es gehe darum, den Raum auszufüllen, den sonst Geistliche ausfüllen. „Als Christen wollen wir uns immer wieder neu herausfordern lassen, uns neu über unseren Glauben verständigen.“ Wir wollen die Kanzel einem besonderen Menschen, einer öffentlichen Persönlichkeit überlassen, von ihm etwas hören statt über ihn zu reden, das ist die Idee.

Der international bekannte Künstler Gerd Winner aus Liebenburg hat die Einladung der Marktgemeinde St. Cosmas und Damian „ohne Zögern“ angenommen, und seine Kanzelrede zur Suche nach der verlorenen Heimat, der „idealen Stadt“, gemacht; biblisch gesprochen, dem heiligen, dem neuen Jerusalem. In seinem Ausführungen ging es um alles: um seine persönliche und künstlerische Existenz, um die Auseinandersetzung mit seinem Leben, eingewoben in die Kulturgeschichte des Menschen: von Homer über Plato bis Albrecht Dürer, C.G. Jung. Hermann Hesse, Theodor Fontane und Martin Heidegger.

Winner spricht als reflektierter und gläubiger Christ. Wenn er sagt „Der Weg führt zu Gott – man kommt an Gott nicht vorbei“, dann ist er nahe bei einem der Mitglieder Beatles, von dem wir den Satz kennen „Alles kann warten, nicht aber die Suche nach Gott.“

Sein erster Kanzel-Satz: „In Demut stehe ich vor Gott und vor Ihnen an diesem Ort der Verkündigung.“ Das im Hohen Chor aufgebaute Labyrinth versteht er nicht als Irrgarten, sondern als Symbol für seinen Weg, der gleich dem Faden der Ariadne in das Labyrinth des Lebens hinein und - wie er betont, wieder hinaus führt. „Unser persönlicher Weg führt uns oft genug weit weg von Gott. Und der, der uns leitet, führt uns zurück in seine Nähe“, der Lebensweg sei vielleicht ein Labyrinth, aber kein Irrgarten. Annähern und Entfernen seien typisch für die vier Lebensphasen: Kindheit, Jugend, Erwachsensein, Alter.

Winners Suche nach der „idealen Stadt“ hat ihren Ausgangspunkt 1944 in Braunschweig, da ist er 8 Jahre alt. „In der Nacht vom 13. zum 14. Oktober wurde ich von meiner Tante um Mitternacht geweckt. Vom Fenster aus sahen wir den Feuersturm über der Vaterstadt. Am nächsten Tag war der Himmel schwarz und es regnete Asche vom Himmel.“

Es waren traumatische Erfahrungen, „durch die rauchende Stadt, an der Hand seines Onkels“ zu laufen: sie haben sich tief ins Unbewusste eingeprägt und dringen während seines Lebens immer wieder ins Bewusstsein. Sie setzten, wie er heute weiß, seinen intensiven künstlerischen Schaffensprozess in Gang.

Das hautnahe Erlebnis der Zerstörung seiner Vaterstadt löste die Suche nach der verlorenen Heimat, der „idealen Stadt“ aus, aus Ruinen wuchs sein künstlerisches Interesse. „Der schöpferische Prozess findet außerhalb des Bewusstseins statt“, sagt er, das Bewusstsein habe keinen direkten Zugriff darauf.

„Wir sind immer zugleich auch gleichsam Ruinen aus unserer Vergangenheit, schreibt der Marburger Theologe Henning Luther, „Fragmente zerbrochenener Hoffnungen, verronnener Lebenswünsche, verworfener Möglichkeiten, vertaner und verspielter Chancen. Wir sind Ruinen aufgrund unseres Versagens und unserer Schuld ebenso wie aufgrund zugefügter Verletzungen und widerfahrener Verluste und Niederlagen. Dies ist der Schmerz des Fragments.“

So wie wir Ruine sind, sind wir auch Baustelle. Auch die Baustelle oder das unvollendete Kunstwerk weist über sich hinaus auf das Ganze hin, das nicht in unserer Macht liegt. Die „Suche nach der verlorenen Heimat“ treibt Winner an. Seine Stadtlandschaften, die Bilder seiner Stadtruinen sind Anfragen an Gott. Es ist seine Suche nach dem neuen Jerusalem, nach der ewigen Stadt: die Heilige Stadt blieb in Winners Kopf. Stadtlandschaften als Spiegelbild seines eigenen Weges, Metaphern zu den Worten Jesu „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“

„Auch auf dem künstlerischen Weg wandere ich aus der Außenwelt nach innen“, so Winner. 1997 im Haus der Stille in Bergen-Belsen, in der begehbaren Skulptur wird die Jakobsleiter zum Symbol für die Summe seiner künstlerischen Erfahrungs-Stationen. Er macht die „Erfahrung neuer Heimkehr“; Theodor Fontane schreibt, „Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen.“

Und dann der Satz von Martin Heidegger „Dank dem Schöpfergeist, der zu Ende führt.“ Da ist es wieder, das Angewiesensein des Menschen auf Gott, die Vollendung zum Ganzen ist allein Gott vorbehalten. Winner ist sich dessen bewusst und schließt seine Bürgerrede mit den Worten: „Seien Sie erinnert, dass Sie nicht allein sind auf Ihrem Weg zur und durch die Stadt.“ Tröstlich und ermutigend klingen seine Worte an uns, die Gemeinde, die Hörenden, die eine gedanklich sehr anregende und berührende Suche von Gerd Winner nach den Spuren seiner eigenen Identität auf dem Weg zur „idealen Stadt“ miterlebt haben.

Pfarrerin Karin Liebl lässt ihren Dank an Prof. Gerd Winner in das Bibelwort münden: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“.

Dierk Landwehr





Herbstsynode der Propstei Goslar

„Weniger ist mehr“ - das menschliche Maß als Quelle des Glücks

Zum Auftakt der Propsteisynode findet eine Andacht in der Marktkirche statt, die uns Synodale einstimmt auf das Schwerpunktthema dieser Synode: „Befreiung vom Überfluss“.

Ungebremstes wirtschaftliches Wachstum hat Auswirkungen auf viele Bereiche unseres Lebens. Als Christinnen und Christen können uns die Folgen, vor allem die Ausbeutung der Ressourcen und die Belastung der Umwelt ebenso wenig gleichgültig lassen wie die Unfähigkeit der Wachstumsgesellschaft, alle Menschen angemessen am Reichtum der Schöpfung zu beteiligen. Im Kirchenlied „Gott gib uns Atem“, während der Andacht gesungen, heißt es: „Gott will mit uns die Erde verwandeln. Wir können neu ins Leben gehen.“

Der Volkwirtschaftler Prof. Dr. Nico Paech von der Universität Oldenburg analysiert vor der Synode und zahlreichen Gästen unser „Wohlstandsmodell Wachstum“ und skizziert Wege in eine „Postwachstumsökonomie“. Im ersten Teil seines Vortrages beschreibt er den aktuellen Zustand der Wachstumsgesellschaft mit folgendem Ergebnis: „Wir leben über unsere Verhältnisse!“… beim Verbrauch der Ressourcen, dem CO2-Ausstoß und der psychischen Belastung der Menschen, die Kluft zwischen Reichtum und Armut wird größer. „Es gibt kein Weiter-so ohne Konsequenzen“: Je höher wir das Haus des Wohlstands türmen, desto größer wird die Instabilität und desto tiefer der Fall, wenn es ‚wie ein Kartenhaus‘ zusammenbricht. - „Und das Fundament bröckelt bereits“.

Im zweiten Teil setzt er sich mit unseren Anstrengungen auseinander, wirtschaftliches Wachstum durch technische Innovationen von ökologischen Schäden zu entkoppeln. Er kommt zum Fazit, dass diese Strategie bestenfalls zum Scheitern verurteilt sei. Diese auf den ersten Blick erfolgversprechende Strategie des „grünen Wachstums“, auch „nachhaltiges Wachstum“ genannt, sei ein Mythos ohne Realitätsgehalt und ohne Chance, den derzeitigen Zustand zu verbessern. „Die durchschnittliche CO2-Bilanz eines Bundesbürgers wird aktuell auf verheerende 11 Tonnen pro Jahr geschätzt, bis 2050 stünde jedem Erdbewohner aber nur ein Quantum von 2,7 Tonnen CO2 pro Jahr zur Verfügung, um die angestrebten Klimaziele der Weltgemeinschaft zu erreichen und damit dramatische Folgen im Weltmaßstab zu verhindern. Dieses Ziel sei mit „grünem Wachstum“ nicht zu schaffen.

Im dritten Teil seiner Ausführungen entwirft Nico Paech in Umrissen die grundlegenden Chancen einer „Postwachstumsökonomie“, dessen Fundament auf einer „Theorie der Subsistenz und Suffizienz“ ruht, kurz: Weniger ist mehr. Worin sehen nun er und andere Wissenschaftler die Alternative zu unserer gegenwärtigen Wirtschafts- und Lebensform, die auf Wirtschaftswachstum setzt?

  1. Eine Reduktion der Fremdversorgung: von der regionalen über die lokale Versorgung zur Selbstversorgung (Subsistenz) mit unterschiedlichen Graden von Fremdversorgung.
  2. Eine drastische Reduktion der industriellen Produktion auf rund 50%.
  3. Ein direkter und vernetzter Austausch von Dienstleistungen und Produkten zwischen uns in überschaubaren Lebenszusammenhängen.

Dieses Alternativprogramm, das Paech „Postwachstumsökonomie“ nennt, sei kein Verzichtsprogramm - wie ihm manche vorwerfen - sondern würde die „Aussicht auf mehr Glück eröffnen“. Derzeit würden wir uns in einer „reizüberfluteten Konsumsphäre verzetteln“, die „unsere knappste Ressource“, die Zeit, aufzehre. „Durch den Abwurf von Wohlstandsballast haben wir die Chance, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren, statt im Hamsterrad der käuflichen Selbstverwirklichung zusehends Schwindelanfälle zu erleiden.

Wenige Dinge intensiver zu nutzen und zu diesem Zweck bestimmte Optionen souverän zu ignorieren, bedeutet weniger Stress und damit mehr Glück“, so Paech in seinem Buch zum Thema. Es gehe um Genügsamkeit und Anspruchsreduzierung, die Reduktion auf das menschliche Maß.

Auf einen Punkt gebracht: „Das einzig noch verantwortbare Gestaltungsprinzip für Gesellschaften und Lebensstile im 21. Jahrhundert heißt Reduktion - und zwar verstanden als Befreiung von jenem Überfluss, der nicht nur unser Leben verstopft, sondern unsere Daseinsform so verletzlich macht“. Denn, so führt er weiter aus, die drei Pfeiler seiner Alternative würden auch die Stabilität der Versorgung des Menschen stärken.

Auch wenn die Thesen von Prof. Paech uns zum Teil aus den Medien bekannt sind: in dieser Form und Verknüpfung mit anderen sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen, von ihm inhaltlich und rhetorisch brillant vorgetragen, sind sie Erkenntnisgewinn, Anregung und Motivation für eigenes Denken und Handeln.

Auf eine der zentralen Fragen, wie es uns mehr als bisher gelingen kann, unsere Erkenntnisse in Handeln umzusetzen, antwortet er: Richtungsänderung in unserem Handeln passiere fast ausschließlich durch Krisen, „ansonsten machen wir so weiter!“

Stimmt die These, dass nur schmerzhafte, leidvolle und manchmal dramatische Erfahrungen in Krisen, ob nun persönlich oder gesellschaftlich, die einzige oder wesentliche Motivation für eine Veränderung unserer Sichtweisen, für ein Umdenken, für eine Richtungsänderung oder Umkehr in unserem Handeln sei?

Menschen, die als Einzelne, Gruppen, Gemeinschaften oder Länder bereits begonnen haben oder beginnen, neue Wege zu gehen, sind sichtbare, anschauliche und Mut machende Beispiele, Modelle oder Vorbilder, die uns helfen, selbst eine Richtungsänderung zu wagen. Fünf bis zehn Prozent der Menschen in Initiativen, vorbildlichen Projekten oder mit neuen Lebensstilen würden bereits ausreichen, um in einer Krise die Richtung zu ändern, auf neue Wege abzubiegen, vielleicht umzukehren.

Wir hören dem „Träumer Nico Paech“ konzentriert, aufmerksam und mit Hingabe zu, immer wieder neu angeregt. Dabei folgen wir parallel unseren eigenen Bildern, Sehnsüchten und Visionen von einer friedlichen und gerechten Gesellschaft. Wir träumen von einer Stadt mit überschaubaren und lebendigen Netzwerken in Quartieren, Stadtteilen und Nachbarschaften, von einem Leben entlang der natürlichen Rhythmen in „Gärten der Früchte“ und von Begegnungen in ana-logen Netzwerken. Weg von pervertierten Wegen der Sinn- und Gottsuche, sondern im Einklang mit unseren Bedürfnissen und nicht atemlos, mit wenig Zeit für Besinnung und auf brüchigen Pfaden kurzzeitiger Befriedigung.

Auf dem Weg in die Postwachstumsgesellschaft gehören die Kirchen zu den Hoffnungsträgern, so formuliert Prof. Paech es an diesem Samstag im Amsdorfhaus. Ob er dabei eher die Kirchentage im Blick hat oder den „Alltag der Christen“, lässt er offen.

Dierk Landwehr



„Erntedankfest und Nationalsozialismus“

Veranstaltung der Propstei Goslar in Liebenburg

Mit der Veröffentlichung des Buches „Kirche in der NS-Volksgemeinschaft“ (Peter Schyga, Hannover 2009) hat sich die Propstei Goslar der Aufgabe gestellt, die kirchliche Geschichte während des Nationalsozialismus in der Stadt Goslar aufzuarbeiten.

Goslar war ab 1934 Stadt des Reichsnährstandes und ab 1936 Reichsbauernstadt. Dabei spielte das Erntedankfest eine besondere Rolle. Es wurde durch die Nationalsozialisten missbraucht, um ihre Menschen verachtende Ideologie zu transportieren. Diese Gedanken forderten Goslarer Pastoren schon 1935 zur Widerrede heraus.

Am Donnerstag, dem 23. September fand im Gemeindehaus in von St. Trinitatis in Liebenburg eine öffentlichen Vortragsveranstaltung mit anschließender Diskussion zum Thema „Erntedankfest und Nationalsozialismus“ mit folgenden Referaten statt:

  1. „Um "Blut und Boden": die Erntedankfeiern des NS-Regimes auf dem Bückeberg“ (Bernhard Gelderblom);
  2. "Nahrungsfreiheit" Zur Politik des Reichsnährstands im Landkreis Goslar (Dr. Peter Schyga)
  3. Das Erntedankfest aus christlichem Verständnis
  4. Die Referenten stellten eindrucksvoll dar, wie das Erntedankfest von den Machthabern des Nationalsozialismus umfunktioniert und missbraucht wurde. Bernhard Gelderblom vermittelte in einer bemerkenswerten Präsentation anhand von zeitgenössischen Plakaten und Bildern Eindrücke von der Organisation und der Stimmung, die auf dem Bückeberg herrschte.

    Download "Nahrungsfreiheit" Zur Politik des Reichsnährstands im Landkreis Goslar (Dr. Peter Schyga)

Bilder aus der Veranstaltung.

Gleichzeitig wurde in dem Bürger- und Kulturzentrum „Lewer Däle Liebenburg e.V.“, das dem Gemeindehaus gegenüberliegt, eine Ausstellung zu diesem Thema eröffnet. Sie war in anderer Form bereits im vergangenen Jahr in Goslar zu sehen.
Fotos: Hartmut Hädrich


Gemeinden in der Nazizeit

Am 9. Oktober 2009 wurde der Öffentlichkeit ein Buch vorgestellt, das eine Forschungslücke schließt:

Peter Schyga

Kirche in der NS-Volksgemeinschaft

Selbstbehauptung, Anpassung, Selbstaufgabe

Die ev.-luth. Gemeinden in Goslar, der Reichsbauernstadt des Nationalsozialismus

Das Werk erscheint im Lutherischen Verlagshaus Goslar, herausgegeben im Auftrag der Propstei Goslar; der Preis des umfangreichen Werkes stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Der Hannoveraner Historiker Peter Schyga hatte vor 10 Jahren bereits Grundlegendes über Goslar in der Zeit des Nationalsozialismus erarbeitet. Ausführliches Studium der landeskirchlichen und der gemeindlichen Archive sowie Gespräche mit Zeitzeugen ermöglichten eine tiefgreifende Studie. Schyga betrachtet die Kirchengemeinden als integralen Bestandteil der Volksgemeinschaft, die gleichwohl erkannten, dass grundlegende Bestandteile ihres Glaubens im Widerspruch zu Politik und Ideologie des Regimes standen. Erstmals wird in dem Werk auch der gemeinsame Gemeindebrief der Goslarer Kirchengemeinden ausgewertet.

Das Buch wurde im Zusammenhang mit der Ausstellung

Die NS-Inszenierungen zum Erntedankfest Bückeberg / Goslar

vorgestellt, die vom 4. Oktober bis zum 2. November 2009 im Städtischen Museum Goslar zu sehen war. Auch dieser Teil der Geschichte Goslars wurde bisher wenig beleuchtet. Goslar als Stadt des Reichsnährstandes und als Reichsbauernstadt war Zentrum der Produktion der Blut- und Bodenideologie und -propaganda. Die Erntedanktage waren hier großes Ereignis, weil Hitler in die Stadt kam; von erheblicher Bedeutung waren die Reichsbauerntage im November.

Helmut Liersch



Dokumentation der Ausstellung: Erntedank und „Blut und Boden“ – Bückeberg/Hameln und Goslar 1933 bis 1938. NS-Rassekult und die Widerrede von Kirchengemeinden Im Goslarer Museum v. 4. Okt. bis 1. Nov. 2009.

Eine Gemeinschaftsproduktion von Ev.-luth. Propstei Goslar, Spurensuche Harzregion e. V., Bernd Gelderblom / Hameln.

Herausgeber: Spurensuche Harzregion e. V. in Kooperation mit der Ev.-luth. Propstei Goslar und Bernhard Gelderblom



Wie findet man einen Dialog mit dem Islam?

Ein Diskussionsabend im Mönchehaus - Museum für Moderne Kunst - im Rahmen der Ausstellung "Istanbul, Sammmlung Huma Kabakci".

Am 22. September fand ein Diskussionsabend (mit religiösem Blickwinkel) zum Thema "Wie findet man einen Dialog mit dem Islam?" statt. Frau Dr. Bettina Ruhrberg, die Direktorin des Museums, hatte dazu den Vorsitzenden des Türkisch-Islamischen Kulturvereins Goslar und Sprecher der Islamischen Gemeinde Oker Tuncay Girgin, den Imam der Gemeinde Vahit Eker und Propst Helmut Liersch eingeladen.

Die Veranstaltung war mit ca. 50 - 60 Teilnehmern sehr gut besucht. Herr Girgin hatte das erste Wort und stellte den Imam Herrn Vahit Eker vor, der den Abend mit einer Rezitation der 1. Sure "Die Eröffnende" begann. Durch den meditativen Klang der Rezitation fühlte man sich (wenn auch nur vorübergehend) in den Orient versetzt.

Danach stellte Herr Girgin die Islamische Gemeinde Oker vor, die zur Dachorganisation DITIB = Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion gehört. Die Gemeinde hat 180 Mitglieder, zum Gebet in der Moschee versammeln sich bis zu 600-700 Menschen.

Er betonte die die Gewaltfreiheit des Islam und die Einhaltung der Menschenrechte, die in den Grundsätzen der DITIB festgeschrieben sind (siehe Link). Er hob die gute Zusammenarbeit mit der Kirchengemeinde Oker hervor, mit der über den Abrahamskreis ein freundschaftliches Diskussionforum besteht und aktive Integrationsarbeit geleistet wird (Details siehe Link). So hat man es geschafft eine gemeinsame Einschulungsfeier für die Schulanfänger zu gestalten, Blutspenden zu organisieren und ein gemeinsames Fastenbrechen mit Christen zu veranstalten. Diese freundschaftlichen Beziehungen wurden von Herrn Bengsch von der Kirchengemeinde Oker bestätigt und es wurde auch von ihm die gemeinsame Arbeit gelobt.

Interessant waren auch die Redebeiträge von zwei muslimischen Frauen, die aus Ihrem Alltag berichteten. Eine der Frauen erzählte dabei von den vielen religösen Regeln, mit denen ihr tägliches Leben durchsetzt ist. Auf diese Vorschriften nahm auch Herr Girgin öfters Bezug. Diese Regelung des täglichen Lebens unterscheidet den Islam offensichtlich vom Christentum.

In der anschliessenden lebhaft geführten Diskussion wurden jedoch auch die immer wieder auftretenden Probleme angesprochen, wie z.B. den Karikaturenstreit, die Stellung der Frau im Islam sowie die damit verbundene Frage der Einhaltung der Menschenrechte. Herr Girgin betonte in diesem Zusammenhang, dass er Karikaturen über religiöse Symbole generell ablehnt und verwies nochmals auf die Aussagen der DITIB zu den Menschenrechten. Von Frau Dr. Ruhrberg wurde dazu bemerkt, dass christliche Symbole in der Kunst schon häufig negativ dargestellt worden sind, ohne dass gleich ein Proteststurm losbrach.

Propst Liersch mahnt zu diesem Thema mehr "Lockerheit" an. Er warnte vor Besserwisserei von Christen, die weder Auskunft über den eigenen Glauben geben könnten noch je Kontakt zum Islam gehabt hätten. Es bestehe ein enormer Nachholbedarf auf "beiden Seiten". Er informierte über den Stand des Dialoges auf der Ebene der EKD - Evangelische Kirche in Deutschland - und in Niedersachsen . Er sprach auch von Bestrebungen im Islam, einen Reformprozess in Gang zu setzen, wie er z. B. von dem Frankfurter islamischen Theologe der sog. "Ankaraner Schule" Ömer Özsoy gefordert wird, mit dem Ziel, die Glaubensregeln an die heutige Zeit anzupassen. Diese Meinung wurde auch von Herrn Girgin geteilt.

Ein hochinteressanter Abend, der nach 2½ Stunden heftiger Diskussion noch viele Fragen (z.B. die theologische Frage: Was ist Islam eigentlich???) offenließ und unbedingt fortgesetzt werden muss, um auch auf deutscher Seite mehr "Integration" zu erreichen.

Text und Fotos: Hartmut Hädrich


Cosmas und Damian Vortrag - Berühmter Ägyptologe in der Marktkirche

Er wurde 1938 in Langelsheim geboren - und gilt heute als einer der fundiertesten Religions- und Kulturwissenschaftler: der Ägyptologe Jan Assmann. Auf Einladung des Rotary Clubs Goslar und der Propstei Goslar sprach er am Montag d. 12. Juli in der Marktkirche. Die Veranstaltung fand im Rahmen der jährlich stattfindenden Cosmas-und-Damian-Vorträge statt.

"Wandlung des Göttlichen in der Alten Welt"

Prof. Dr. Jan Assmann, Heidelberg

Mit seiner Frau Aleida Assmann zusammen entwickelte Jan Assmann die Theorie des kulturellen Gedächtnisses und wurde international bekannt. Eine hochrangige wissenschaftliche Debatte löste seine Deutung der Entstehung des Monotheismus aus, dessen Anfänge Assmann zufolge mit dem Zeitpunkt des israelitischen Auszugs aus Ägypten verbunden sind. Der Streit um den absoluten Wahrheitsbegriff sei tief in das kulturelle Gedächtnis des modernen Menschen eingegangen. Der "Preis" für den Monotheismus zeige sich in den religiösen, kulturellen und politischen Auseinandersetzungen bis in die Gegenwart.

Helmut Liersch

Bildergalerie

Download des Vortagstextes Wandel des Göttlichen in der Alten Welt"

Mit freundlicher Genehmigung des Referenten

Bilder von der Veranstaltung

Fotos: H.Hädrich


LiteraTurm

Am 25. April 2010 in der Marktkirche

Jesus der Mann

Imogen Liersch und Dierk Landwehr wagten sich, wie schon oft, wieder an ein schwieriges und komplexes Thema: "Jesus der Mann". Anhand von Zitaten aus dem gleichnamigen Buch von Hanna Wolff, wurde ein "Psychogramm" von Jesus gezeichnet.
Dabei wird Jesus als gefühlvoller aber auch konsequenter Mann beschrieben, frei von den "typisch männlichen" Eigenschaften, wie z.B. Kampf- und Gewaltbereitschaft, welche die Menschheit bekanntlich schon häufig ins Verderben geführt haben.
Jesus von Nazareth war nach Hanna Wolff ein Mann neuer und moderner Prägung, ein Mann, der auch weibliche Wesenszüge in sich erkennt und lebt. Er stellt die häufig anzutreffende Scheinmännlichkeit in Frage. Tiefenpsychologische Analysen der Autorin entdeckten den «integrierten Mann» aus Nazareth, dessen Lebensstil und Aussagen, z.B. in der Bergpredigt, als beispielhaft gelten können.

Die sehr interessante Lesung wurde musikalisch durch Franziska de Vries (Gesang, Flöte), Gerald de Vries (Orgel, Klavier) und Ralph Beims (Gesang, Gitarre) begleitet. Die von Gerald de Vries improvisierten meditativen und spirituellen Klänge der Orgel erzeugten eine transzendente Stimmung zwischen und während den verschiedenen Lesungen, welche die Inhalte der Texte enorm verstärkte. Freunde der leichteren Muse kamen jedoch auch auf ihre Kosten. Bei einem meisterhaft gesungenen Duett (bühnenreif!!!) von Franzika de Vries (als Pamina) und Ralph Beims (als Papageno) "Bei Männern, welche Liebe fühlen" aus Mozarts Zauberflöte gab es Szenenapplaus!

Eine anspruchsvolle und dabei trotzdem sehr unterhaltsame Veranstaltung, die sicherlich noch lange in der Erinnerung der vielen anwesenden Zuhöreren bleiben wird.

Fotos und Text: Hartmut Hädrich


Eine Maus in der Marktkirche

Am 24. April 2010 hatte sich zum großen Vergnügen der Kinder eine Orgelmaus in die Marktkirche eingeschlichen und trieb dort Ihr Unwesen. Mit vielen Fragen und Zwischenrufen brachte sie die Organistin, die eigentlich den Kindern die Orgel erklären wollte, zur Verzweiflung. Nach und nach wurde das pelzige aufsässige Mäuschen dann etwas vernünftiger und ruhiger, so dass die Orgel dann doch noch erklärt werden konnte. Keine Frage blieb unbeantwortet. Die Maus machte weiter viel Spaß mit den Kindern und zum Schluss wurde sogar noch getanzt.

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Fotos und Text: Hartmut Hädrich


Ausstellung zur Weule Uhr

Johann Friedrich Weule 1811 - 1897

Die Marktkirchenuhr wird 160 Jahre alt

Bericht von der Austellungseröffnung sowie Geschichte und Technik der Weule Uhr

Die Weule-Uhr, die in luftiger Höhe im Nordturm der Marktkirche die Zeit ansagt, hat Geburtstag. Sie wird 160 Jahre alt! Anlässlich dieses Geburtstages wird es in der Marktkirche eine Ausstellung geben, die sich in besonderer Weise mit Turmuhren beschäftigt:

Vom 17. April bis 17 Mai 2009

Die Turmuhr der Marktkirche - 160 Jahre Zeitansage in Goslar

Die Ausstellung wird am Freitag, den 17. April, um 18 Uhr in der Marktkirche eröffnet. Zu sehen sein werden nicht nur Fotos und Skizzen der Marktkirchenuhr, sondern auch weitere Uhren und Uhrenteile der Firma Weule, Dokumente aus dem Goslarer Stadtarchiv und das alte Werk der Vorgängeruhr der Marktkirche. Zur Zeit wird die Weuleuhr für ihren Geburtstag schön gemacht, d.h. sie wird generalüberholt und soll zur Ausstellung wieder im ursprünglichem Glanz erstrahlen.

Als Firma von Weltruf hatte die "Turmuhrenfabrik und Glockengießerei J. F. Weule, Bockenem - Harz" über mehr als 120 Jahre hinweg (von 1826 bis 1954) durch ihre Qualitätsarbeit einen internationalen Standard geschaffen. Weulesche Turmuhren und Glockenspiele wurden in alle Kontinente der Welt geliefert. Die meisten sind auch heute noch funktionstüchtig. Die Marktkirchenuhr ist unter den Weule-Uhren etwas ganz Besonderes, da Weule diese Uhr als erste Turmuhr nach der erneuten Geschäftseröffnung 1848 fertigte. In gewisser Weise ist unsere Turmuhr sein "Meisterstück"!

Zum einen war es Johann Friedrich Weule wichtig, eine besonders qualitätsvolle und dauerhafte Uhr zu fertigen. Das belegen zahlreiche Details in seinen Ausführungen zu den Bauskizzen. Außerdem war es ihm wichtig, dass die Uhr gut bedient und gewartet werden konnte. So verwarf er die Idee, eine sogenannte "8-Tage-Uhr" zu bauen, also eine Uhr, die nur alle acht Tage hätte aufgezogen werden müssen. Sie wäre für zum einen zu teuer geworden (unmöglich billiger als 7.800 Taler) und wäre im Winter aufgrund der nötigen Größe so vielen Schwierigkeiten unterworfen, dass sie stehen bleiben müsste. "Auch ist beim Aufziehen noch die Gefahr, dass durch die fürchterliche Gewalt welche der Schlüssel hat, dieser leicht aus der Hand fliegen kann dann der Schaden ziemlich groß werden könnte."

So kam es zu der noch heute in Betrieb befindlichen Uhr, die Weule in seinem Kostenvoranschlag wie folgt beschreibt: "Eine Uhr, welche aus 4 Werken besteht, die in 2 Gestelle eingetheilt sind, in einem Geh- und Laufwerk und ein dem anderen Voll- und Viertelschlagwerk, worin im Geh- und Laufwerk die größten Räder 14 ½ Zoll und im Voll- und Viertelwerk 21 ½ Zoll im Durchmesser haben, das die Uhr von 4 Seiten Stunde und Minute zeigt, alles dauerhaft und gut gemacht und an Ort und Stelle fertig aufgestellt liefere ich zu Vier hundert Fünf und Siebzig Thaler ..." Das Vertrauen von Johann Friedrich Weule in die Laufbeständigkeit seiner Uhr muss groß gewesen sein. Davon zeugt folgende Garantiegewährung:

"Von dem Tage, an welchen ich die Uhr aufgestellt habe verbürge ich mich mit meinem sämtlichen Vermögen auf zwölf nacheinander folgenden Jahren, alle daran vorkommenden Fehler, wenn selbige nicht durch Nachlässigkeit oder Gewalt hervorgebracht sind, gratis abzuhelfen."

Bis heute ist die Weule-Uhr in Betrieb, wird allerdings nicht mehr von Hand aufgezogen, sondern elektrisch. Die Wartung und Pflege liegt in der Hand von Uhrmachermeister Gerhard Wilde.

Ralph Beims

Bericht von der Austellungseröffnung sowie Geschichte und Technik der Weule Uhr




Himmelfahrt 2009

Ökumenischer Gottesdienst der Goslarer Gemeinden am 21. Mai 2009

Am Himmelfahrtstag feierten die Goslarer Kirchengemeinden einen gemeinsamen Ökumenischen Gottesdienst im romantischen Ulrichschen Garten nahe der Stephanikirche.

Das Leitthema des diesjährigen Himmelfahrtsgottesdienstes war das Thema Zeit in seiner positiven (Zeit haben) und negativen (keine Zeit haben) Ausprägung.

In kurzen Predigten, Ansprachen und Sketchen wurde auf die negativen Aspekte des Zeitverständnisses in der heutigen Zeit, in der Arbeitswelt und in der Freizeit eingegangen. (Auszug aus Programmtitel: Alles! - Sofort! - Keine Zeit! - Das schaff ich nicht! - Günstig!). Eine Wende zu mehr Ruhe und Spritualität wurde angemahnt und anempfohlen.

Angelehnt an die Zeitspanne von 40 Tagen zwischen Auferstehung und Himmelfahrt von Christus und die besondere Funktion der Zahl 40 in der Bibel ging Pfarrerin Liebl auch von der biblischen Seite das Thema "Zeit" noch einmal an.

Wie bei fast allen Veranstaltungen unter freiem Himmel, wurde auch in diesem Jahr dieser Gottesdienst durch Musik des Bläserchores der Goslarer Gemeinden unter der Leitung von Gerald de Vries stimmungsvoll umrahmt.

Ein sehr aktueller und außergewöhnlicher Gottesdienst, der den Besuchern sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben wird.

PS: Um die klammen Gemeindekassen aufzufüllen und das Zeitproblem "greifbar" zu machen, hatten die Veranstalter noch eine originelle Idee. Gegen eine Spende ins Sammelkörbchen erhielt jeder Spender einen "Zeitgutschein", den er verschenken kann. Ich kann jetzt 40 Minuten verschenken....

Hartmut Hädrich
Fotos: Hartmut Hädrich


Amsdorfwoche in der Marktgemeinde

Unsere Amsdorfwoche - so recht nach Luthers Geschmack!

Er hätte mit der Zunge geschnalzt und mit Käthe darauf angestoßen …

Wenn Dr. Martin Luther von unserem Jubiläum - 50 Jahre Amsdorfhaus - gehört hätte, 480 Jahre nach Einführung der Reformation in Goslar, so hätte er sich über diese evangelische Blüte mitten in der Welterbestadt heftig gefreut, vermutlich - und er hätte seinen Freund, Nikolaus von Amsdorf, ohne Zögern ein zweites Mal auf die Reise nach Goslar geschickt. Dieses Mal hätte Herr von Amsdorf einen Brief von Luther im Gepäck gehabt, in dem der Reformator aus Wittenberg die wahrhaft evangelische Gestaltung der Festwoche lobt und der Marktgemeinde herzliche Grüße übermitteln lässt.

In diesem Brief hätte er außerdem seinen Besuch für den Festgottesdienst zum Reformationstag 2009 angekündigt, mit dem Wunsch, in der Marktkirche St. Cosmas und Damian eine Dialog-Predigt mit seiner Ehefrau Katharina von Bora halten zu dürfen. Predigtthema: "Die Bedeutung des Römerbriefes für die Klärung von Glauben, Vertrauen und Gnade oder die Freiheit eines Christenmenschen" - 481 Jahre nachdem Nikolaus von Amsdorf das "Geschenk der Reformation" nach Goslar brachte.

In dieser Dialog-Predigt würden seine Ehefrau Katharina und er selbst sich sicherlich auch zur Bedeutung der "Bibel-in-Gerechter-Sprache" für die "moderne" Reformation äußern und den männlich dominierten Gottesbegriff thematisieren. Außerdem läge dem Mann aus Wittenberg sehr daran, die Bibel als die einzige Quelle für die christliche Orientierung des zeitgenössischen Menschen zu verankern.

Zurück zur 50-Jahr-Feier in der Marktgemeinde vom 29.Oktober bis zum 2. November 2008 in Amsdorfhaus und Marktkirche.

Der Festausschuss des Kirchenvorstandes hatte mehrfach getagt, das Programm der Festwoche stand und die zahlreichen Einladungen waren nicht nur an die Gemeindeglieder selbst, sondern auch an alle Bewohnerinnen und Bewohner des Bezirks der Marktgemeinde mit Hingabe und Freude verteilt. Auch die Mitglieder des Kirchenvorstandes hatten sich auf die Straßen und in die Gassen begeben, um alle Briefkästen zu erreichen.

Das markante Banner mit dem Schriftzug "50 Jahre Amsdorfhaus - die Marktgemeinde feiert" prangte am Amsdorfhaus und die Schaukästen an der Marktkirche und vor dem Amsdorfhaus waren festlich geschmückt. Geistlichkeit und Ehrenamt hatten die Goslarer Öffentlichkeit über die sehr interessierte lokale Presse umfassend und pointiert auf die Bedeutung von Nikolaus von Amsdorf für die Reformation in Goslar eingestimmt und den Zusammenhang zur Marktgemeinde erläutert. Kurzum: alles war vorbereitet für ein fünftägiges Fest zur Einführung der Reformation in Goslar. Gefeiert wurden die von Nikolaus von Amsdorf übermittelten theologischen Vorstellungen Martin Luthers, die durchaus als revolutionär bezeichnet werden können.

Am Mittwoch starteten wir zum Auftakt mit einem Doppelpack: am Nachmittag mit den Seniorinnen und Senioren: die drei Begrüßungen haben die SeniorInnen sehr genossen, geschäftsführende Pfarrerin, der Vorsitzende des Kirchenvorstandes und der Propst fanden angemessene Worte. Der anschließende Vortrag von Frau Antje Krüger ließ die Augen der gesamten Gruppe von fast vierzig Menschen glänzen ob der bedeutenden Vergangenheit des Namensgebers des Amsdorfhauses, welches sie jede Woche mit Leben erfüllen.

Am Abend dann der Vortrag von Dr. Michael Beyer zum Thema: Nikolaus von Amsdorf und Martin Luther. Fazit: Sie wurden (vermutlich) im gleichen Jahr geboren, kannten sich sehr gut, begleiteten sich als Freunde fast ein Leben lang und waren gleichermaßen stark und kraftvoll in ihrer Klarheit bezüglich Notwendigkeit und Perspektive der Reformation.

Am zweiten Tag war der Theologische Gesprächskreis von Propst Liersch in die Amsdorfwoche eingebettet, dieser Kreis, der in Seminarform Bibeltexte auf die Ursprünge zurückführt, interpretiert und immer wieder auf die zentralen Fragen des Christseins hinführt, hatte an diesem Abend ein paar "Schnupper-Gäste", die sich der nachhaltigen Faszination dieser Veranstaltungsreihe des Propstes hingeben wollten.. Sogar ein Ehepaar aus Berlin, touristisch in Goslar unterwegs, hatte sich in großer Erwartung eingefunden.

Der dritte Tag war ein erster Höhepunkt unserer Festwoche und zwar in Form des Festgottesdienstes zur Reformation in der Marktkirche mit der Goslarer Kantorei. In diesem gut besuchten Gottesdienst gründeten Pfarrerin Liebl, Pfarrer Beims und Propst Liersch unser Evangelisch-Sein mit sehr unterschiedlichen Texten - und das in einer Form, die unsere protestantische Identität berührte und stärkte. Die drei Geistlichen brachten jeweils einen von ihnen eingeleiteten Text zu Gehör, so dass die Weite und der Anspruch deutlich wurden, die das evangelische Profil heute prägen. So war ein Text von Martin Luther zu hören, der die Intensität des persönlichen Glaubens repräsentierte und konfrontiert mit Auszügen des Schuldbekenntnisses von Papst Hadrian IV an die reformatorischen Anfänge erinnerte. Ein Auszug einer der letzten Reden von Dorothée Sölle erinnerte an die prophetisch-politische Verantwortung, ein Abschnitt eines Vortrags des EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber lenkte das Augenmerk auf die zukünftigen Herausforderungen der Evangelischen Kirche.

Wer diese Predigt gehört und den Gottesdienst miterlebt hat und dazu die szenische Darstellung von Propst Liersch und Pfarrer Beims zur Ankunft von Nikolaus von Amsdorf in Goslar im Jahre 1528 mit der kritischen Distanz der damaligen Goslarer Geistlichkeit gesehen hat, der wird - auch als ökumenisch orientierter Christ - in seiner protestantischen Gründung vergewissert den Festgottesdienst verlassen haben.

Das Kultur-Café am Samstagnachmittag als Fest für Gemeinde und Gäste strotzte geradezu vor Vielfalt der Marktgemeinde in punkto Gesang, Bühnendarbietung und sowie christlicher Gemeinschaft und spannte einen sehr unterhaltsamen und anregenden Bogen zwischen dem Auftakt mit den Bläsern und Bläserinnen der Marktgemeinde und dem Laternenfest der KiTa zum Abschluss.

Pfarrerin Liebl zeichnete kurz die Geschichte des Amsdorfhauses nach und formulierte programmatisch: "Das Amsdorfhaus soll ein Haus bleiben und weiter werden, in dem sich Menschen begegnen, die vom Glauben angerührt sind. Ein Haus - nicht nur der Marktgemeinde - sondern ein offenes Haus. Ein Haus, in dem diskutiert wird und gesungen, in dem gelehrt und auch gefeiert wird." Dazwischen entfaltete sich das gesamte Spektrum der Marktgemeinde von Frauenhilfe über die Goslarer Kantorei bis zum poppigen Tanz der Kita-Kinder, denen es durch ihre Freude an Musik und Bewegung gelang, alle Festgäste zum Mittanzen zu animieren.

Spätestens in diesem Kultur-Café und dem anschließendem Laternenfest am frühen Abend wurde deutlich, dass auch die Marktgemeinde - als "Leuchtfeuer" in der Stadt - unterwegs ist. Goslar ist nicht nur Weltkulturerbe, sondern auch und gerade im aktuellen kirchlichen Leben Ausdruck eines starken evangelisch-geistlichen Erbes und zukunftsorientiert in Glauben und Tun.

Selbst nach diesen Lichtpunkten war die Jubiläumswoche noch nicht zu Ende. Am Sonntag warteten noch zwei Leckerbissen auf Gemeinde und Gäste: zum einen der wunderbare Vortrag von Propst Liersch zu Pfarrer und Superintendent an der Marktkirche Georg Heinrich Henrici als Matinee direkt nach dem Gottesdienst; zum anderen der LiteraTurm - an diesem Tag in der Marktkirche und nicht wie gewohnt im Nordturm oder in der Johanniskapelle. Es ging inhaltlich um die "Tischreden" von Dr. Martin Luther unter dem Titel "Protest am Tisch - dem deutschen Volk aufs Maul geschaut", gelesen von Imogen Liersch und Dierk Landwehr und musikalisch einfühlsam und markant begleitet von Propsteikantor de Vries an Orgel und Klavier sowie gar trefflichen Gesangseinlagen von Pfarrer Ralph Beims. Ja, das Evangelium Luthers und Amsdorfs lebt und entwickelt sich auch und gerade in krisenhaften Zeiten, wie sie auch in Goslar deutlich zu spüren sind.

Ein herzliches Dankeschön allen, die an diesem 50-jährigen Jubiläum des Amsdorfhauses der Marktgemeinde in der Vorbereitung und Gestaltung sichtbar und unsichtbar mitgewirkt haben, zur Freude der Menschen und zum Lob Gottes.

Dierk Landwehr








Wer war eigentlich Nikolaus von Amsdorf?

In der Dorothea-Borchers-Straße liegt das Gemeindehaus der Marktkirchen-Gemeinde: Das Amsdorf-Haus. Wie kommt das Haus zu seinem Namen, wer war der Namensgeber? Es ist Nikolaus von Amsdorf, der 1528 in Goslar die Reformation einführte.

Nikolaus von Amsdorf wurde am 3. Dezember 1483 in Torgau als Sohn einer Adelsfamilie geboren. Ab 1497 hielt er sich in Leipzig auf, wo er die Thomasschule besuchte und anschließend an der Hochschule Philosophie studierte. 1502 ging er an die neu gegründete Universität nach Wittenberg, schloss das philosophische Studium ab und begann Theologie zu studieren. Ab 1513 bekleidete er das Amt des Rektors der Hochschule Wittenberg. Er freundete sich mit Luther an und bekannte sich zu dessen reiner Lehre. Die Verbindung zu Luther wird immer enger und so beteiligte er sich ab 1517 auch an der Reformationsbewegung. Er sollte ihr eifrigster Verfechter werden. Luther begleitete er zu vielen Religionsgesprächen und zum Reichstag nach Worms (1521). Er war ebenfalls in die Entführung Luthers auf die Wartburg, die zu seiner Sicherheit vorgenommen wurde, eingeweiht. 1524 wird Amsdorf nach Magdeburg berufen, wo er als Superintendent das Kirchenwesen im lutherischen Sinne ordnete. 1528 übernahm er für zunächst vier Wochen diese Aufgabe in Goslar.

In Goslar herrschten zu der Zeit viele Unruhen. 1525 waren die aufständischen Bauern unter Thomas Müntzer, Florian Geyer und Götz von Berlichingen vernichtend geschlagen. Sie hatten die reine Predigt des Evangeliums und die Aufhebung der Leibeigenschaft gefordert. Luther hatte sich von ihnen mit seiner Schrift "Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern" deutlich abgesetzt.

1527 hatten die hungernden, seit Monaten infolge der Bergwerks- und Hüttenstilllegungen um ihre Existenz bangenden Menschen das vor der Stadt liegende Kloster St. Georg, das Stift St. Peter, die Kirche im Bergdorf und die Kommende Zum Heiligen Grabe zerstört. Sie wollten dadurch verhindern, dass sich an diesen günstig gelegenen Punkten der vor der Stadt mit seiner Heeresmacht lagernde Herzog Heinrich der Jüngere von Braunschweig-Wolfenbüttel festsetzt. Schon lange hatte es Streit mit diesem Herzog gegeben, der als streng anitlutherisch gesinnt, die Herausgabe der Bergrechte verlangte. Mit seinem Heer setzte er sich dann im Kloster Riechenberg fest und erhob Klage vor dem Reichskammergericht gegen Goslar wegen des landfriedensbrecherischen Kirchenfrevels. Das führte zur Reichsacht Goslars (1540), deren Verwalter eben dann jener Herzog Heinrich der Jüngere wurde.

Wir schreiben das Jahr 1528. Einige Geistliche versuchten, in Goslar das Evangelium nach lutherischem Verständnis zu predigen, wurden aber von der konservativen Geistlichkeit und dem Rat der Stadt erfolgreich bekämpft. Auf die Dauer aber konnte der Rat sich nicht gegen den Willen und die Bestrebungen der Bevölkerung durchsetzen. So wandte sich der Rat an den Rat der Stadt Magdeburg mit dem dringenden Ersuchen, einen tüchtigen Prediger zu schicken, der das Wort Gottes "rein und lauter" verkündigen kann. Magdeburg entsprach der Bitte und sandte Nikolaus von Amsdorf. Dieser war dort seit 1524 Kaplan und Prediger an der St.-Ulrich-Kirche. Er wurde auf vier Wochen entliehen, um in Goslar der "großen Drangsal" abzuhelfen. Am 8. März 1528, am Sonntag Reminiscere, hielt er in der Marktkirche seine erste Predigt. Dieses Datum gilt noch immer als der Beginn der Reformation in Goslar.

Die erste evangelische Gottesdienstordnung für Goslar ist noch erhalten und in Heft 1 "Die Zeit der Reformation" in: Quellen zur Geschichte der Stadt Goslar nachzulesen (Eigenverlag des Geschichtsvereins Goslar)

Was bedeutet nun aber Reformation? Im 15. Und 16. Jahrhundert erschütterten viele Ereignisse die Menschen. Es war das Zeitalter Michelangelos, Machiavellis, der Medici. Kolumbus entdeckte Amerika, Heinrich VIII. lässt seine Frauen und Thomas Morus köpfen. Es ist aber auch die Zeit der Renaissance, des Humanismus, Dürers, Kopernikus, Paracelsus und nicht zuletzt der Fugger, bei denen Kaiser und Päpste mit immensen Summen in der Kreide standen. Es ist die Zeit der Belagerung Wiens durch die Türken und vor allem Luthers. Mit seinen 95 Thesen und in vielen Schriften prangerte er den Ablasshandel an. Das Wort Gottes sollte in einer Sprache verkündet werden, die die Menschen verstehen, also in deutsch. Bis dahin war die Gottesdienst-Sprache Latein.

Amsdorf wollte schon nach drei Wochen seiner reformatorischen Tätigkeit in Goslar zurück nach Magdeburg. Er ließ sich durch luthertreue Gemeindeglieder bitten, seinen Aufenthalt trotz versteckten Widerstandes in den Gemeinden um weitere drei Wochen zu verlängern. Nach seinem sechswöchigen Aufenthalt war die Abschaffung der Messe durchgesetzt und die Reformation auf den Glauben, Christus und die Schrift vollzogen. Durch ihn war der Boden bereitet und 1570 wurden durch Herzog Julius von Braunschweig die letzten Klöster reformiert.

Amsdorf wirkte mit seinem Eintreten für die reine Lehre auch in Einbeck und Meißen. Er beteiligte sich als unnachgiebiger Vertreter der lutherischen Anschauungen in vielen Religionsgesprächen. 1542 wurde er als Superintendent im Naumburger Dom als evangelischer Bischof eingeführt. Er erfüllte die für damalige Bischöfe erforderlichen Bedingungen: er war ein guter Theologe, aus adliger Familie und - unverheiratet. Seinen Wohnsitz nahm er in Zeitz auf dem dortigen Schloss, wo ihn Luther mehrmals besuchte.

Nach der Niederlage des Schmalkaldischen Bundes (1547) musste er sein Amt aufgeben. Er führte seinen Kampf für die Durchsetzung der Reformation von Weimar, Magdeburg und Eisenach weiter aus. 1557 kam es zum völligen Bruch mit Melanchthon, der bis dahin ebenfalls sein Wegbegleiter war.

Am 14. Mai 1565 verstarb er halb erblindet, taub und stumm in Eisenach. Dort befindet sich vor dem Altar der Georgenkirche sein Grab. Eine Büste Nikolaus von Amsdorf, ursprünglich in der Marktkirche, befindet sich jetzt im Amsdorfhaus.

Antje Krüger



Das Amsdorfhaus - 50 Jahre jung

50 Jahre jung ist in diesem Jahr das Amsdorfhaus. Für den architektonisch bewanderten Zeitgenossen verrät das Gemeindehaus der Marktgemeinde bereits von außen sein Erbauungsjahrzehnt: die späten 50er Jahre! Auch im Innern zeugen noch zahlreiche Ausstattungselemente, wie z.B. die Lampen im Foyer, von dieser Zeit.

50 Jahre jung ist in diesem Jahr das Amsdorfhaus. Für den architektonisch bewanderten Zeitgenossen verrät das Gemeindehaus der Marktgemeinde bereits von außen sein Erbauungsjahrzehnt: die späten 50er Jahre! Auch im Innern zeugen noch zahlreiche Ausstattungselemente, wie z.B. die Lampen im Foyer, von dieser Zeit. Die älteren Goslarer erinnern sich sicherlich an den Vorgängerbau, an das stattliche Pfarr- und Gemeindehaus an der Kaiserpfalzwiese, das dann dem Neubau der Pfarrhäuser und der Goslarer Wohnstätte weichen musste. Der Neubau aus dem Jahr 1958 wurde ein großes Haus, genauer gesagt ein Haus mit einem auch für die damalige Zeit großem Saal. Dadurch wurde die Vision manifestiert, dass in der Dorothea-Borchers-Straße ein Veranstaltungsort entstehen sollte, der nicht nur von der Marktgemeinde genutzt, sondern ein zentraler Ort für die evangelischen Gemeinden Goslars werden sollte.

Das ehemalige "Marktgemeindehaus" trägt auf Beschluss des Kirchenvorstandes seit 1965 (vierhundert Jahre nach Amsdorfs Tod!) den Namen "Amsdorfhaus", um das Andenken des Reformators der Stadt Goslar weiterhin wach zu halten. In der Goslarschen Zeitung vom 30. Oktober 1965 heißt es wörtlich:

"Die Bezeichnung "Amsdorf-Haus" soll uns Nachfahren im Nebel alter und neuer religiöser und politischer Schwärmerei zum reformatorischen Kurs verpflichten. In einer Neujahrspredigt Amsdorfs heißt es: "Christliche Kirche steht nicht in Singen, Lesen, Essen, Trinken, Kleiden so oder so, sondern im rechten Glauben und rechter Liebe." (…) Die Benennung des Hauses Dorothea-Borchers-Straße 14 soll schließlich anzeigen, dass der großzügige Bau nicht allein der Marktgemeinde, sondern allen Gemeinden des Stadtkirchenverbandes Goslar sowie allen kirchlichen Werken zu Sitzungen, Versammlungen und Veranstaltungen aller Art offen steht."

Dieses hehre Ansinnen hat sich bis heute erfüllt. Neben der Marktgemeinde hat die Goslarer Kantorei im Amsdorfhaus ihre Heimat. Auch das Büro von Propsteijugenddiakon Mario Rieke und damit die Propsteijugend sind hier vor Ort. Die benachbarte Kita Zum Markte nutzt den großen Saal als Turnhalle, wie auch zahlreiche Frauen für ihre Fitnessübungen. Die Kabarettgruppe der Propstei probt auf der Bühne und das Rote Kreuz lädt regelmäßig zu Blutspenden ein. Als einziger kirchlicher Raum in der Innenstadt bietet das Amsdorfhaus genügend Raum für die Synoden der Propstei oder ähnlich große Veranstaltungen.

Seit der Innenrenovierung der Marktkirche im Jahr 2000 hat die Amsdorfbüste, die als Geschenk der Stadt Goslar einst in der Marktkirche an die Reformation in Goslar erinnerte, im Foyer des Amsdorfhauses ihren neuen Platz gefunden.

Ralph Beims



Reformationsgottesdienst am 31. Oktober 2008

Am Reformationstag fand ein sehr interessanter Gottesdienst in der Marktkirche statt. Die Reformation in Goslar wurde in nicht ganz authetischen (humoristischen) Dialogen zwischen Nikolaus von Amsdorf (Pfarrer Beims) und dem damaligen Gemeindepfarrer (Propst Liersch)- nur echt mit dem Plüschadler auf der Schulter, nachvollzogen.

In Beiträgen von Propst Helmut Liersch nach Originalzitaten von Luther sowie dem Schuldbekenntnis von Papst Hadrian IV. 1523 auf dem Nürnberger Reichstag (siehe "Instruktion" im Link) , von Pfarrerin Karin Liebl eindrucksvoll nach Texten von Dorothee Sölle ( u.a. Religion ist nicht...) und von Pfarrer Ralph Beims über das Perspektivpapier "Kirche der Freiheit" wurde beispielhaft das Wesentliche und die Bedeutung der Reformation damals und heute deutlich gemacht.

Ein besonderes Erlebnis war - wie immer, wenn sie auftreten - die Kantorei mit ihren wundervoll gesungenen Liedern.

Hartmut Hädrich
Fotos: Hartmut Hädrich


Dem deutschen Volk aufs Maul geschaut...
Texte von Martin Luther u.a.





Am 2. November fand in der Marktkirche ein sehr stimmungsvoller Abend im Rahmen der von Imogen Liersch und Dierk Landwehr ins Leben gerufenen und durchgeführten Veranstaltungsreihe "Literaturm 122" statt. Die Rezitatoren lasen besinnliche, belehrende, feinsinnige, fröhliche und witzige, deftige und kräftige und nicht zuletzt relgiöse Texte (überwiegend) von Martin Luther (auch eine Einleitung von Johann Wolfgang von Goethe).

Für jede Lebenslage gab es Ratschläge vom großen Reformator, meistens nach nach dem Motto des Abends "Dem Volk aufs Maul geschaut".

Der Abend bekam eine besonders stimmungsvolle Note durch die musikalische Begleitung des Programms durch Ralph Beims (Gesang), der mit seiner wunderbaren Stimme die Zuhörer in seinen Bann schlug, sowie Gerald de Vries an der Orgel und Tasteninstrument. Er entlockte seinen Instrumenten, der Stimmung in der Kirche angepasst, meditative ruhige, Klänge (Der Mond ist aufgegangen) aber auch neben Kirchenliedern durchaus weltliche Klänge (Begleitung von Ralph Beims zu "Dein ist mein ganzes Herz") und eine kurze Inprovisation aus Anatevka (If I were a rich man) als Übergangsmusik zu dem Kapitel "Reichtum und Bescheidenheit", welches bekanntermaßen zur Zeit hochaktuell ist.

Es wurde viel geboten an diesem Abend: Lebensberatung, Spaß und Humor, Besinnung, Meditatives und wundervolle Musik und Gesang.

PS.: Ein Glas Wein gab´s auch zum Schluß - den soll Luther ja auch nicht verachtet haben.

Text und Fotos: Hartmut Hädrich

Luthersprüche, zitiert in der Veranstaltung

"Man muss nicht den Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man deutsch reden soll, wie diese Esel tun; sondern muss die Mutter im Hause, die Kinder in der Gassen, den gemeinnen Mann auf dem Markte fragen. Und man muss denselben aufs Maul schauen, wie sie reden. Dann soll man dolmetschen. So verstehen sie es und merken, dass man deutsch mit ihnen redet."

"Es gehört dazu ein trefflicher Mann, der ein Löwenherz habe, unerschrocken die Wahrheit zu schreiben."

"Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir, Amen!"

"Niemand hat die Weisheit so vollkommen ausgeschöpft, dass er keiner Übung und Lehre mehr bedürfte."

"Danach richte dich, dass du nicht sobald den Nächsten anderswo verleumdest und ihm nachredest, sondern ihn heimlich vermahnest, dass er sich bessere."

"Wenn wir täten, was wir sollten, so gäbe Gott uns auch, was wir wollten."

"Die Welt gibt so, dass die rechte Hand gibt, die linke Hand aber wieder nimmt."

"Man tut besser, wenn man dem Nächsten einen Pfennig gibt, als wenn man Petrus eine goldene Kirche baut."

"Armut tut wehe! Armut tut wehe, darum gebe, wer geben kann."

"Denn Streit ist bald angefangen, es steht aber nicht in unserer Macht aufzuhören."

"Wir haben lange Zeit Friede gehabt und gute Tage, bis wir zu geil und zu kitzlig geworden sind, nicht mehr wussten, was Frieden und gute Tage waren."

"Der Bauch ist aller Religionen gewaltigster Abgott."

"Wer den Leuten in der Welt will wohltuen, der muss damit rechnen, Undank zu verdienen."

"Wenn der Herrgott keinen Spaß verstünde, so möchte ich nict in den Himmel."

"Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz."



Cosmas und Damian Vortrag am 23. September 2008 in der Marktkirche

PD. Dr. Eugen Drewermann "Die Zehn Gebote - Zwischen Weisung und Weisheit"

Interview aus der Goslarschen Zeitung mit Sabine Kempfer

Eugen Drewermann in Wikipedia

Spiegel Interview von 1991

Download als PDF-Datei

"Nichts ist mächtiger als die Liebe"

Dr. Eugen Drewermann interpretiert in der Goslarer Marktkirche die Zehn Gebote auf seine eigene Weise

Von Sabine Kempfer (Goslarsche Zeitung), Foto: H.Hädrich

Eigentlich macht der Mann den Eindruck, als wäre er gerne unsichtbar. Wenn da nicht die Botschaft wäre, die es rüberzubringen gilt – und das gelingt eben einfach besser, wenn einer auch physisch existent ist. Am Dienstag sprach Deutschlands prominentester Ex-Katholik und Kirchenkritiker Dr. Eugen Drewermann aus Paderborn in der Goslarer Marktkirche vor einem vollen Kirchenschiff über die Zehn Gebote.

Eigentlich macht der Mann den Eindruck, als wäre er gerne unsichtbar. Wenn da nicht die Botschaft wäre, die es rüberzubringen gilt – und das gelingt eben einfach besser, wenn einer auch physisch existent ist. Am Dienstag sprach Deutschlands prominentester Ex-Katholik und Kirchenkritiker Dr. Eugen Drewermann aus Paderborn in der Goslarer Marktkirche vor einem vollen Kirchenschiff über die Zehn Gebote.

Drewermann-Kenner meinen bemerkt zu haben, dass der moderne Prophet dazu gelernt hat – in Sachen Rhetorik. Zwischen die gewohnt inhaltsschweren, aber staubtrockenen Passagen hat sich der Humor geschlichen („Wenn Sie jemandem ernsthaft sagen müssen, Du sollst nicht ehebrechen, dann ist es zu spät.“). Mit fast volkstümlichen Geschichten schickt er seine Zuhörer nach Hause. 500 Menschen harren die ersten zwei Stunden, die Drewermanns lückenloser, auswendiger Vortrag umfasst, auf den harten Kirchenbänken aus.

Das Pult lässt er links liegen, nimmt nur das Mikro in die Hand und stellt sich, schmal und preußisch gerade, an den Rand des erhöhten Altarraums, seiner Bühne für diesen Abend. Am Ende teilt er dem aufmerksamen Publikum Dankbarkeit mit. Es sei ein „riesiges Geschenk“, den Menschen in Goslar in einer evangelisch-lutherischen Kirche seine Gedanken mitteilen zu können. „In keiner katholischen Kirche wäre das möglich gewesen, bei Ihnen ja“, sagt einer, dem 1992 die Predigtbefugnis entzogen wurde und der sich 2005 damit einverstanden erklären musste, nie wieder eine Tätigkeit in der katholischen Kirche auszuüben. Rausschmiss. Gehör findet er trotzdem (manchmal wohl gerade deswegen) überall sonst.

Wie er über die Schließung katholischer Kirchen denkt, lautet eine der zahlreichen Fragen, die der Therapeut und Theologe in einer Spätschicht nach 22 Uhr mit noch 100 Zuhörern geduldig beantwortet. „Die Herzen und die Ohren der Menschen können Sie nicht schließen“, sagt er. Und weil das so ist, sei er heute gerne in Goslar gewesen.

Wie ist das also mit den Zehn Geboten als Handlungsmaxime für die Christen in der Welt? Würden sie beim Wort genommen, wären sie revolutionär, meint Drewermann, schickt sie durch eigene Filter, nimmt sie menschlich. Derart „geklärt“ sind die „Gebote“ kein moralischer Zeigefinger mehr, sondern eine „Grundlage, die den Menschen sagt, dass sie alle angenommen sind so wie sie sind“ – eine Kernaussage Drewermanns. Gott ist die Liebe und nichts ist mächtiger im Herzen eines Menschen. Der darf einfach sein, zweckfrei, Zweck an sich – was für eine Vorstellung in der Leistungsgesellschaft.

Das, was er seinen Zuhörern mit auf den Weg gibt, hat sich in Jahrzehnten nicht grundlegend geändert. Gebetsmühlenartig wiederholt er seine Botschaften. Das Repertoire ist umfassend, nie ist er um eine Antwort verlegen. Drewermann ist gegen Krieg und Rüstung, gegen das Töten von Tieren als Nahrung für Menschen, gegen den Kapitalismus als Ausbeutung der Schwächsten. „Was können wir denn tun?“ ruft eine Frau nach einer Aufzählung alles Schlechten in der Welt fast verzweifelt. Doch der 68-Jährige gibt nur Anregungen zum Nachdenken, keine Aufforderungen zum Handeln. „Wir können eine Jugend erhoffen, die sich simpel weigert, in den Krieg zu gehen“, sagt Drewermann, der glaubt, dass gute Argumente etwas bewirken können. Die Zeit wird zeigen, ob er damit Recht hat. Es wäre uns zu wünschen.

Bilder aus der Veranstaltung

Fotos: Hartmut Hädrich

Diskussionsrunde nach dem Vortrag

Foto: Holger Zietz GZ


Pfingsten 2008

Ökumenischer Gottesdienst der Goslarer Gemeinden

Am Pfingstmontag feierten die Goslarer Kirchengemeinden bei strahlendem Frühlingwetter einen gemeinsamen Ökumenischen Gottesdienst auf dem Frankenberger Plan. Mit dem Gottesdienst eröffnete die Kirchengemeinde St. Peter und Paul auf dem Frankenberge gleichzeitig die Feierlichkeiten zu ihrem 900 jährigen Bestehen.

Angesichts des Jubiläums der Frankenberger Gemeinde waren die Goslarer Kirchengemeinden vom Domplatz, wo traditionell der gemeinsame Gottesdienst im Rahmen von "Pfingsten in Goslar" stattfindet, auf den Frankenberger Plan umgezogen. In ökumenischer Teamarbeit entstand ein kreativer und aussagekräftiger Gottesdienst. Hausherr und Pastor Reinhard Guischard wies auf die enge Verbindung der Frankenberger Gemeinde zum Bergbau hin und bedankte sich bei allen Mitwirkenden.

Zu Beginn wurde noch einmal der die Gründungsurkunde vorgelesen, die von Bischof Udo von Hildesheim am 13.Mai 1108 erstellt wurde. Als besondere Ehrengast war Landesbischof Dr. Friedrich Weber angereist, der auch eine Predigt hielt, in der auf das gute Funktionieren der Ökumene in Goslar hinwies.

Auch Dechant Kuno Kohn und Propst Liersch betonten die gute Zusammenarbeit. Eine passende Botschaft von "Oben", die sich dadurch äußerte, dass die beiden ihren Dialog nur durch ein gemeinsames Mikrofon und nicht, wie vorher versucht, mit getrennten Strippen, führen konnten, sorgte für allgemeine Heiterkeit unter den Anwesenden. Merke: Es gibt nur einen Draht zu Gott.

Gut in Szene gesetzt war ein Streitgespräch zwischen verschiedenfarbig gekleideten Gruppierungen, in dem die verschiedenen Strömungen und Richtungen der Kirche wie z.B. Traditionalisten und Modernisierer kontrovers diskutierten. Im Zuge dieser Auseinandersetzung wurde das große Holzkreuz (siehe unten) zuerst im Streit abgebaut und danach, auf ausdrücklichen Wunsch des Landesbischofs, wieder versöhnungsvoll errichtet. Die "Gelben" (siehe Bild) haben übrigens nichts mit dem Dalai Lama zu tun, sondern sie waren die Fraktion "Frankenberg", Grün = "St.Georg", Blau = "Diakonie", Violett = "St.Jakobi bzw. katholische Gemeinden"

Zum Schluß wurden als Zeichen der Christlichen Taufe und Verbundenheit noch Schalen mit Wasser aus dem Brunnen am Frankenberger Plan an die Besucher gereicht, was bei dem sehr warmen und sonnigen Wetter auch unter rein erfrischungstechnischen Gründen sicherlich eine gute Idee war.

Alle Bilder vom Gottesdienst von Homepage Gemeinde Frankenberg

Fotos: Hartmut Hädrich

Ein stimmungsvoller und außergewöhnlicher Gottesdienst, der den Besuchern sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben wird.



Himmelfahrt 2008

Ökumenischer Gottesdienst der Goslarer Gemeinden und des DGB am 1. Mai 2008

An Himmelfahrt um 11:00 Uhr feierten die Goslarer Kirchengemeinden einen gemeinsamen Ökumenischen Gottesdienst auf dem Jakobikirchhof. Da in diesem Jahr der Himmelfahrtstag und der 1.Mai als "Tag der Arbeit" auf den gleichen Tag fiel, wurde die Feier zusammen mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund veranstaltet.

Vor dem Bild "Himmelsleitern" von Prof. Gerd Winner, welches schon 2006 in der Neuwerkkirche am Himmelfahrtstag als Vorlage und Motto für den Gottesdienst diente, fand auch in diesem Jahr der Gottesdienst statt.

Das Bild von Gerd Winner zeigt Feuerleitern, wie wir sie aus amerikanischen Großstädten kennen. Durch diese Leitern erfolgt die Rettung von unten in dem Menschen in Not (Feuer, Brände) durch die Feuerwehr über die Treppe geretten werden.

In kurzen Predigten, Ansprachen und Sketchen wurden Themen behandelt, die einem immer größer werdenden Teil der heutigen Arbeitnehmer auf den Nägeln brennt: z.B. Lohndumping, fehlende Mindestlöhne, Auswirkungen der Globalisierung, Verarmung der unteren Gesellschaftsschichten, übermäßiges Profitstreben von Konzernen, der Mensch nur noch als Kostenfaktor u.v.m.

Dabei kamen sowohl Pfarrer und Gewerkschafter, aber auch Handwerksmeister und Arbeiter zu Wort.

Angelehnt an das Gleichnis von den Arbeitern_im Weinberg, wurde auf den mit dem Gottesdienstthema in Verbindung stehenden gerechten Lohn für eine geleistete Arbeit und des Miteinander der Menschen in eindringlicher Weise eingegangen.

Fotos: Hartmut Hädrich

Ein stimmungsvoller, sehr aktueller und außergewöhnlicher Gottesdienst, der den Besuchern sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben wird.



Kinder Bibel-Projekt Josef 2006

"Josef in Goslar" war voller Erfolg

Vom 5.-14. Juli war die Marktkirche fest in der Hand von "Josef in Goslar". Im Rahmen eines Kinder-Bibel-Projekt des Ev.-luth. Kirchenverbandes Goslar in Zusammenarbeit mit dem Amt für Ev. Jugendarbeit der Landeskirche Braunschweig verwandelte sich die Marktkirche in eine Landschaft zwischen Zelten und Pyramiden.

Tag für Tag zogen rund 200 Kinder durch einen Zeittunnel in den für diesen Zweck umgestalteten Kirchenraum, um die Geschichte von Josef und seinen Brüdern zu erleben. Dabei galt es für die Kinder nicht nur bei den Liedern mitzusingen, sondern immer wieder duften einige Kinder auch am Theaterspiel teilnehmen. Bei Schlüsselszenen gab es Spielunterbrechungen, um den Kindern an den "Kreativstationen" Tempel, Oase, Brunnen und Zelt Gelegenheit zum vertiefenden Aneignen und Erleben der Josefsgeschichte zu geben. Kinder sowie Lehrerinnen und Lehrer waren von Idee und der Umsetzung des Projekts begeistert.

In Erinnerung wird uns die kirchentagsähnliche Atmosphäre in der Marktkirche bleiben, auch das Erlebnis, in einem großen Team an einem Strang zu ziehen. Unvergesslich sind die begeisterten Kinder, die sich einen Vormittag lang von der Stimmung in der Marktkirche, dem Theaterspiel, der Musik und dem kreativen Treiben gefangen nehmen ließen.

Am Ende richtet sich der Dank der Organisatoren an die zahlreichen jüngeren und älteren Mitwirkenden und an die vielen Spenderinnen und Spender, die durch ihr freiwilliges Kirchgeld "Josef in Goslar" überhaupt erst möglich gemacht haben. Dank gilt auch den beiden Goslarer Gymnasien, die sehr kooperativ Schülerinnen und Schüler "für Josef" vom Unterricht befreit haben.

Wie geht es weiter nach den Josefs-Tagen? Erst einmal Urlaub machen heißt es für viele. Einer der Organisatoren, Pfarrer Hartwig Wrede von der St. Georg-Gemeinde in Jürgenohl, meint: "Im Grunde müssten wir alle vier Jahre ein groß angelegtes Projekt anschieben, damit kein Kind in Goslar auf solch ein Erlebnis verzichten muss."

Ralph Beims

Im Beduinenzelt, am linken Bildrand ist das Taufbecken zu erkennen (Foto: Rappmann)

Der Pharao, gerahmt von zwei Kindern, die spontan bereit waren mitzuspielen (Foto: Schenk).

In der "Pyramide" beim Hieroglyphen-Entziffern (Foto: Schenk

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Zwei Söhne Jakobs (Kaja Feige und Mirka Degen) beschließen ihren Bruder Josef in einen Brunnen zu werfen. (Foto: Beims)

(Foto: Rappmann)

Bericht in der Goslarschen Zeitung vom 7.7.2006