Dr. Eugen Drewermann am Reformationstag 2013 in der Marktkirche

Bildergalerie Prof. Eugen Drewermann in der Marktkirche

„Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ - Bericht von Propst Thomas Gunkel über die Veranstaltung

Am Reformationstag 2013 war es wieder soweit. Dr. Eugen Drewermann, katholischer Theologe, suspendierter Priester, Psychoanalytiker und Schriftsteller kam nach 2008 zum zweiten Mal in die Marktkirche. Alle warteten gespannt, aber 5 Minuten vor Beginn erschien er. Wie auch schon 2008 (s.u.) genauso unscheinbar gekleidet, aber wortgewaltig und eindringlich, manchmal fast schmerzhaft, wie er den Finger in die Wunde der heutigen Glamour-, Profit- und Leistungsgesellschaft legte.

Die Veranstaltung bestand aus 2 Teilen, dem Refomationsgottesdienst um 18.00 Uhr und einem Vortrag mit dem Titel "Wege zur Menschlichkeit" um 20.00 Uhr. Beide Veranstaltungen sorgten für eine volle Kirche.

Als Thema für den Gottesdienst hatte sich Eugen Drewermann die Bergpredigt und daraus die Seligpreisungen Matthäus 5,3-12 ausgewählt. Wie auch schon 2008, als er über die 10 Gebote sprach, stellte er im Laufe der Predigt bei jeder Seligpreisung einen Bezug zur heutigen Zeit her. Die Themen Armut in der heutigen Zeit (Hartz 4), Waffenexporte, Flüchtlingspolitik, sowie das generelle Politikerverhalten, welches nur am Wachstum und Geld orientiert ist, u.v.m. wurden angesprochen und kritisiert. Mit Thesen wie "Nur ein armer Mensch, der sich zu seiner Armut bekennt, ist frei" und "Ich wünsche mir einen Politiker, der wegen der Entscheidungen im Parlament einmal weint" redete er den Anwesenden Gottesdienstbesuchern ins Gewissen.

Es würde den Rahmen dieses Artikel sprengen, alle Kernaussagen hier wiederzugeben, aber die Wirkung auf die Besucher war deutlich spürbar.

Nach einer Pause begann, dann ein eineinhalbstündiger Vortrag mit dem Titel "Wege zur Menschlichkeit"; der die Apostelgeschichte des Lukas als Rahmen hatte.

Anhand von Beispielen erläuterte er die Rolle Jesu. Obwohl er kein Sozialrevolutionär war, wandte er sich an die Deklassierten und Bedrängten seiner Zeit. Dabei durchbrach Jesus, der ja selbst Jude war, immer wieder jene allzu menschenfernen Regeln und Gesetze, die besonders die Priesterkaste hochhielten. Ihnen war er ein Dorn im Auge, weshalb er schließlich am Kreuz sterben musste.

Er schlug dann einen Bogen zum Apostel Paulus, dem Damaskuserlebnis (epiletischer Anfall?) bis hin zur Rechtfertigungslehre Römerbrief , die ein zentraler Punkt des evangelischen Glaubens ist und deshalb auch am Reformationstag zur Sprache kam. Diese biblischen Texte wurden wieder an die aktuelle Zeit adaptiert und mit Beispielen unterlegt. Dabei kam immer wieder der Psychoanalytiker in Drewermann mit ins Spiel.

Am Schluss wurde es noch einmal richtig locker, als Eugen Drewermann noch einige jüdische Witze als "Zugabe" erzählte.

Ein langer, hochinteressanter Abend, für den sich Eugen Drewermann bei der Marktgemeinde bedankte, da er dankbar ist, in einer Kirche für "Christen" zu predigen, was ihm von der katholischen Kirche verwehrt wird.

Stürmischer Beifall! Eine ganz besondere Veranstaltung!

Hartmut Hädrich



Cosmas und Damian Vortrag am 23. September 2008 in der Marktkirche

PD. Dr. Eugen Drewermann "Die Zehn Gebote - Zwischen Weisung und Weisheit"

Interview aus der Goslarschen Zeitung mit Sabine Kempfer

Eugen Drewermann in Wikipedia

Spiegel Interview von 1991

Download als PDF-Datei

"Nichts ist mächtiger als die Liebe"

Dr. Eugen Drewermann interpretiert in der Goslarer Marktkirche die Zehn Gebote auf seine eigene Weise

Von Sabine Kempfer (Goslarsche Zeitung), Foto: H.Hädrich

Eigentlich macht der Mann den Eindruck, als wäre er gerne unsichtbar. Wenn da nicht die Botschaft wäre, die es rüberzubringen gilt – und das gelingt eben einfach besser, wenn einer auch physisch existent ist. Am Dienstag sprach Deutschlands prominentester Ex-Katholik und Kirchenkritiker Dr. Eugen Drewermann aus Paderborn in der Goslarer Marktkirche vor einem vollen Kirchenschiff über die Zehn Gebote.

Eigentlich macht der Mann den Eindruck, als wäre er gerne unsichtbar. Wenn da nicht die Botschaft wäre, die es rüberzubringen gilt – und das gelingt eben einfach besser, wenn einer auch physisch existent ist. Am Dienstag sprach Deutschlands prominentester Ex-Katholik und Kirchenkritiker Dr. Eugen Drewermann aus Paderborn in der Goslarer Marktkirche vor einem vollen Kirchenschiff über die Zehn Gebote.

Drewermann-Kenner meinen bemerkt zu haben, dass der moderne Prophet dazu gelernt hat – in Sachen Rhetorik. Zwischen die gewohnt inhaltsschweren, aber staubtrockenen Passagen hat sich der Humor geschlichen („Wenn Sie jemandem ernsthaft sagen müssen, Du sollst nicht ehebrechen, dann ist es zu spät.“). Mit fast volkstümlichen Geschichten schickt er seine Zuhörer nach Hause. 500 Menschen harren die ersten zwei Stunden, die Drewermanns lückenloser, auswendiger Vortrag umfasst, auf den harten Kirchenbänken aus.

Das Pult lässt er links liegen, nimmt nur das Mikro in die Hand und stellt sich, schmal und preußisch gerade, an den Rand des erhöhten Altarraums, seiner Bühne für diesen Abend. Am Ende teilt er dem aufmerksamen Publikum Dankbarkeit mit. Es sei ein „riesiges Geschenk“, den Menschen in Goslar in einer evangelisch-lutherischen Kirche seine Gedanken mitteilen zu können. „In keiner katholischen Kirche wäre das möglich gewesen, bei Ihnen ja“, sagt einer, dem 1992 die Predigtbefugnis entzogen wurde und der sich 2005 damit einverstanden erklären musste, nie wieder eine Tätigkeit in der katholischen Kirche auszuüben. Rausschmiss. Gehör findet er trotzdem (manchmal wohl gerade deswegen) überall sonst.

Wie er über die Schließung katholischer Kirchen denkt, lautet eine der zahlreichen Fragen, die der Therapeut und Theologe in einer Spätschicht nach 22 Uhr mit noch 100 Zuhörern geduldig beantwortet. „Die Herzen und die Ohren der Menschen können Sie nicht schließen“, sagt er. Und weil das so ist, sei er heute gerne in Goslar gewesen.

Wie ist das also mit den Zehn Geboten als Handlungsmaxime für die Christen in der Welt? Würden sie beim Wort genommen, wären sie revolutionär, meint Drewermann, schickt sie durch eigene Filter, nimmt sie menschlich. Derart „geklärt“ sind die „Gebote“ kein moralischer Zeigefinger mehr, sondern eine „Grundlage, die den Menschen sagt, dass sie alle angenommen sind so wie sie sind“ – eine Kernaussage Drewermanns. Gott ist die Liebe und nichts ist mächtiger im Herzen eines Menschen. Der darf einfach sein, zweckfrei, Zweck an sich – was für eine Vorstellung in der Leistungsgesellschaft.

Das, was er seinen Zuhörern mit auf den Weg gibt, hat sich in Jahrzehnten nicht grundlegend geändert. Gebetsmühlenartig wiederholt er seine Botschaften. Das Repertoire ist umfassend, nie ist er um eine Antwort verlegen. Drewermann ist gegen Krieg und Rüstung, gegen das Töten von Tieren als Nahrung für Menschen, gegen den Kapitalismus als Ausbeutung der Schwächsten. „Was können wir denn tun?“ ruft eine Frau nach einer Aufzählung alles Schlechten in der Welt fast verzweifelt. Doch der 68-Jährige gibt nur Anregungen zum Nachdenken, keine Aufforderungen zum Handeln. „Wir können eine Jugend erhoffen, die sich simpel weigert, in den Krieg zu gehen“, sagt Drewermann, der glaubt, dass gute Argumente etwas bewirken können. Die Zeit wird zeigen, ob er damit Recht hat. Es wäre uns zu wünschen.

Bilder aus der Veranstaltung

Fotos: Hartmut Hädrich

Diskussionsrunde nach dem Vortrag

Foto: Holger Zietz GZ