Klänge zwischen Zeit und Ewigkeit

Wenn die Stimme des Ortes ruft Klänge zwischen Zeit und Ewigkeit – Wie Glocken Alltag und Festtag prägen
Text und Fotos von Albrecht Weisker (Goslarsche Zeitung)

Es ist kein bequemer Weg, der von der Erde hoch in den Himmel führt. Marktkirche Goslar, Stein gewordener Ausdruck von Bürgerstolz und Gottesfurcht, der Aufgang im Südturm. An den Seiten sind Klappstühle, Podeste und Putzmittel gelagert. Anfangs sind die Treppenstufen empor zur Glockenstube noch bequem. Propst Helmut Liersch geht voran. Eine Holztür ächzt, sie wird nicht oft geöffnet.Dann kommen schmale Holztreppen, fahles Licht fällt durch die Fensteröffnungen auf das grobe Mauerwerk im Innern. Von unten steigen verlockende Düfte des Weihnachtsmarktes in die Nase, es riecht nach gebrannten Mandeln und Bratwurst. „Vorsicht mit dem Kopf“, ruft Liersch. In moderner Zeit eingezogene Stahlstreben sichern die Statik, hängen aber gefährlich niedrig.

Kurz nach Mittag. Soeben hat das Glockenspiel von der alten Kämmerei, die jetzt Kaiserringhaus genannt werden möchte, herübergetönt. Viele Gäste habe das Schauspiel der Figuren verfolgt, ihre Kameras gezückt und den Liedklängen gelauscht. Wie jeden Tag. Da schlägt auch die Stundenglocke der Marktkirche zwölf Mal. „Die hängt in der offenen Laterne des Nordturms“, erklärt Liersch. Der ist seit 2004 öffentlich begehbar. Durch ein kleines Glasfenster kann man von dort aus einen Blick in die Glockenstube der Marktkirche St. Cosmas und Damian werfen, die sich genau zwischen den beiden Türmen befindet.

Noch ein paar steile Holzstiegen, ein enges Loch, plötzlich steht man mitten zwischen dem Geläut. „Da wären wir“, sagt Liersch und klopft sich die Hose ab. Überall Staub und Dreck, der durch die Fensteröffnungen hineinweht. Nur hölzerne Lamellen gibt es, die den Schall nach unten lenken sollen. Kein Glas.Drei Glocken hängen dort oben, sie alle stammen aus dem Jahr 1848. Die „Johanna“, die „Christina“ und die „Paulina“. Mit einem Gewicht von 6,8 Tonnen und einem Durchmesser von 2, 21 Metern ist „Johanna“ die zweitgrößte Glocke Niedersachsens. In der Hannoverschen Marktkirche hängt die größte, sie ist erst 1960 gegossen worden und wiegt mehr als zehn Tonnen. „Christian Heinrich Carl Stützer aus Benneckenstein hat mich gegossen“, steht auf den Glocken, die an massiven Holzjochen befestigt sind und in dem vielfach verstrebten hölzernen Glockenstuhl hängen. „Nirgendwo berührt dieses Gestell die Wand“, bedeutet Liersch. Das verhindere, dass sich die mächtigen Kräfte beim Schlagen der Glocken auf das Mauerwerk übertragen. Was, wenn sich jetzt die Motoren in Bewegung setzten und die großen Klöppel in den mannshohen Glocken zu schlagen begännen? „Dann sollten Sie sich gut die Ohren zuhalten hier oben“, meint Liersch. Mit dem gekrümmten Zeigefinger schlägt er gegen die kleinste der drei Glocken, sie hängt in der Mitte. Der helle Ton erklingt nur leise, aber er trägt lange. „Ein bedeutendes zusammenhängendes Geläut“, hatte Arno Mast aus Salzgitter-Lebenstedt zuvor am Telefon erzählt. Der Kantor ist seit 1998 als Glockensachverständiger der Braunschweigischen Landeskirche im Dienst. Bemerkenswert sei nicht nur die klangliche Qualität, sondern auch die Größe der Glocken. Außerdem gibt es nicht mehr viele aus dem 19. Jahrhundert. Sie läuteten für den Frieden, und doch wurden viele in zwei Weltkriegen für Rüstungszwecke eingeschmolzen. Nur mit Glück habe manches Geläut überdauert, das mittelalterliche aus der Goslarer Neuwerkkirche etwa galt schon damals als schützenswert. Anders das der Marktkirche. 1942 wurden die Glocken abgehängt, konnten aber 1947 vom Hamburger Glockenfriedhof, einer Sammelstelle, unversehrt in die Kaiserstadt zurückkehren. Seitdem läuten sie Sonntag für Sonntag, wenn auch laut Läuteordnung die große „Johanna“ mit ihrem tiefen, tragenden Ton nur direkt vor Gottesdienstbeginn schlägt. „Am Bußtag und Karfreitag läutet sie allein“, berichtet Küster Alexander Hinkel.

Die Glocken sind auch Zeugen ihrer Zeit. 1844 nämlich war die Marktkirche ausgebrannt, die Glocken wurden ein Raub der Flammen. Wenn Liersch die Zusammenhänge erzählt, ist er in seinem Element. Mit der Brille in der Hand beschreibt er gestenreich, sein grüner Schal wippt. Er liest vor, was auf der Glocke steht. „Johanna soll dein Name seyn/Du tratest ja ins Leben ein/Als unser Erzherzog Johann/des Reichsverwesers Bahn begann.“ Das erinnere an die kurze Amtszeit des Erzherzogs Johann, den die Frankfurter Nationalversammlung im Sommer 1848 eingesetzt hatte. „Eine Begeisterung für den demokratischen Aufbruch, den der hiesige Superintendent Henrici teilte“, sagt Liersch. Im September wurde „Johanna“ gegossen. Als aber 1849 die Kirche eingeweiht wurde, waren diese Träume schon wieder geplatzt – der preußische König Friedrich Wilhelm IV. hatte die ihm angetragene Kaiserkrone abgelehnt. „Insofern ist Johanna auch Zeugnis der Kurzlebigkeit politischer Ideen.“ Auf die andere Seite gesetzt sind die Verse „Zur Andacht ruf’ ich, Christen, euch zusammen/Zur Hülfe mahn’ ich bei empörten Flammen/ zur Leichenfeier trauern meine Klänge/Zum Sturme braucht mich nicht bei Volksgedränge!“ Auch hier schimmert durch: Demokratie ja, Revolution nein. Und natürlich Schillers berühmtes „Lied von der Glocke“, das deren Aufgabe so beschreibt: Lebende zu rufen, Tote zu beklagen und Blitze zu brechen.In der Zellerfelder St. Salvatoris-Kirche dagegen hängt zur Zeit nur eine einzige Bronzeglocke aus dem Jahr 1673. „Wir haben die Dachsanierung zum Anlass genommen, die ohnehin falsch gestimmten Stahlglocken von 1953 zu ersetzen“, sagt Pastor Christian Kühne. An die 36 000 Euro werden benötigt, mit einer bewundernswerten Anstrengung der Gemeinde und zahlloser Spender sind bereits an die 20 000 Euro zusammengekommen. Kühne formuliert es so: „Viele Menschen identifizieren sich mit den Glocken, sie sind die Stimme des Ortes.“ Hier wie in Wildemann, wo sie auch sammeln, und anderswo. Und es lohnt sich. „Eine Stahlglocke hält bestenfalls 100 Jahre, eine aus Bronze 1000“, sagt Kühne. Sein Weihnachtswunsch? „Dass wir im nächsten Jahr möglichst wieder unser volles Geläut haben.