Die Orgeln der Marktkirche Goslar



"Die von Caspar Sperling, Quedlinburg, 1719-1721 erbaute Orgel () hatte neben drei Manualwerken ein Pedalwerk, dessen vier Laden sich zum Teil hinter der Orgel, zum Teil in zwei Pedaltürmen an der Nord- bzw. Südwand des Schiffes befanden. In den Pedaltürmen standen die fünf Register Prinzipal 16', Violoncello 8', Posaune 16', Fagott 16' und Trompete 8'. 1744 fügte Gottfried Knauth (Knautt), Buttelstedt, ein aus 30 Glocken bestehendes Glockenspiel hinzu. Vor 1804 wurden zwei Register durch neue ersetzt: Repet-Ditonus durch Terz 1 3/5' (sofern die Terz nicht ein Bestandteil des Ditonus (Sesquialtera(?) war) und Ditonus im Rückpositiv durch Flaute Travers 8'. 1805 führte Friedrich Hoffmeister aus Goslar eine Reparatur aus, änderte aber vermutlich nichts an der Disposition. Erst Ernst Lindrum reparierte und reinigte 1825 das Werk und fügte im Rückpositiv drei Stimmen hinzu.

In der Nacht vom 14. zum 15. Juli 1844 wurde die Orgel durch einen Brand zerstört. Eine Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert vermittelt einen Eindruck von der Gestalt dieses nicht unbedeutenden Werkes. (aus: Johann Hermann Biermann, Organograghia Hildensiensis Specialis, Hildesheim 1738, Hrsg: Uwe Pape, Georg Olms Verlag)

Bei der Einweihung der wieder hergestellten Marktkirche am 23.9.1849 äußerte sich der Superintendent und I. Prediger an der Marktkirche D. Henrici wie folgt über die fünf Jahre zuvor zerstörte Orgel:

"Dieses herrliche Kunstwerk, das zu den besten Orgeln in Deutschland gehörte, war von dem Orgelbauer Sperling in den Jahren 1719-1721 erbauet. Nur wenige Pfeifen wurden von einigen entschlossenen Orgelfreunden noch zur rechten Zeit der Flamme entrissen; doch wurde nachher das geschmolzene Orgelgut durch ein sorgsames Verfahren zum größten Teile gerettet und zu der neuen Orgel benutzt."

Disposition der Sperling Orgel von 1844 in der Marktkirche Goslar

Nach dem Brand war man "vorzüglich ... darauf bedacht, dem Bedürfnisse und verwöhntem Geschmacke der Marktgemeinde einen Ersatz für die zerstörte herrliche Orgel zu geben", heißt es nach D. Henrici. So wurde der Orgelbaumeister Johann Andreas Engelhardt aus Herzberg mit dem Bau einer neuen Orgel beauftragt. Die Firma Engelhardt war im 19. Jahrhundert von überregionaler Bedeutung, zwischen 1830 und 1873 wurden von ihr mehr als 100 Orgeln erbaut oder umgebaut, von denen einige bis heute noch vollständig bzw. teilweise erhalten sind (u.a. in Osterode, Mechtshausen, Jerstedt und Herzberg). Zwischen 1847 und 1850 baute Engelhardt die in Auftrag gegebene neue Orgel für die Marktkirche mit III Manualen, Pedal und 46 Registern (Disposition siehe Abbildung). Bei der Orgelweihe am 12.5.1850 berichtet D. Henrici über die Orgelprüfung und -abnahme durch drei Organisten, u.a. vom Magdeburger und Bremer Dom, und ihre Beurteilung:

"Ihr einstimmiges, mit voller Überzeugung ausgesprochenes Urteil lautete sowohl über die künstlerische Technik des Innern der Orgel, als über die Zusammenstellung des Ganzen ... höchst günstig. Besonders in Hinsicht auf Rundung und Fülle des Tons hat es auffallende Vorzüge vor der vorigen Orgel, deren Ton bei aller Schönheit doch weicher und spitziger war. Die Spielart der Orgel ist leichter, als man bei einem Werke von so gewichtvollem Gehalt vermuten sollte, und das Unter-Manual ist beinahe ebenso leicht als ein Fortepiano zu spielen. Der Eindruck des vollen Werkes ... ist erschütternd und überwältigend, aber bei aller Kraft nicht verletzend und schreiend, sondern ansprechend, klar, würdevoll und erhaben. Mit Recht kann man daher dieses Werk für ein höchst gelungenes und mit einem parteilosen Sachkenner für das Beste des ganzen hannoverschen Königreichs erklären."

Im Jahre 1940 erfolgte ein größerer Umbau der Engelhardt-Orgel. Das erklärte Ziel war es, sich damit klanglich und auch optisch wieder an die alte Sperling-Orgel anzulehnen. Ein Artikel der Goslarschen Zeitung vom 9.11.1940 zur Orgelweihe gibt uns Auskunft über diesen Umbau: Erstens sollte ein Rückpositiv geschaffen werden, "wie die alte Orgel es gehabt hatte und wie viele Barockorgeln es noch heute besitzen". Zweitens sollte der Toncharakter umgestaltet werden, "insofern, als weithin eine Rückkehr zu den Stimmen der alten Barockorgel angestrebt wurde, deren Disposition uns noch genau bekannt ist." Das neue Rückpositiv sollte auch im Äußeren an die alte Sperling-Orgel erinnern, da es wie vor dem Kirchenbrand an der Emporenbrüstung aufgestellt wurde und dadurch ein "altes Bild der Marktkirchen Orgel in neuer Form" darstellte. Die klangliche Umgestaltung wurde damit begründet, dass die "Kirchenorgel [...] weithin zur Konzertorgel geworden [war] und [...] dabei in Angleichung an die Instrumentalstimmen des Orchesters ihre arteigenen Klänge verloren [hatte]." Jetzt versuche man, "ihr das Verlorene zurückzugeben, also wieder arteigene Stimmen zu bauen, wie sie zu Zeiten Bachs gewesen waren".

Die Erklärung der Goslarschen Zeitung, dass "diese Rückkehr zur Barockorgel nicht nur in diesem einen Falle durchgeführt" worden sei, "sondern ganz allgemein für das sachlich Gebotene erachtet" werde, zeigt, dass die Beweggründe für den Umbau der Engelhardt-Orgel im Zeitgeschmack der 1920/30er zu suchen sind: Es war der Beginn der sog. Zeit der Orgelbewegung, in der man sich von den romantischen Orgeln abwandte und sich an den Klang der Barockorgeln anlehnen wollte.

Disposition der Engelhardt-Orgel in der Marktkirche Goslar

Im Jahre 1970 wurde die Engelhardt-Orgel als nicht mehr zu restaurieren betrachtet und abgerissen. Bei der Berliner Orgelbauwerkstatt Karl Schuke wurde eine neue Orgel in Auftrag gegeben und am Sonntag, den 18.10.1970 in einem feierlichen Gottesdienst eingeweiht. Die Goslarsche Zeitung, die in einem Artikel vom 8.10.1970 die Einweihung der neuen Orgel ankündigte, schrieb: "Schukes Ideal ist nicht die gewaltig brausende Orgel, sondern die klare, silbrige Schönheit der einzelnen Register, die alle ihren spezifischen individuellen Klangcharakter haben, sich aber auch bei Registermischungen zu einem homogenen neuen Klang vereinigen". Hervorgehoben wurde auch der "funktionsbedingte architektonische Aufbau des Instruments", dessen räumliche Tiefe "durch rationelle Bauweise sehr gering gehalten" sei.

Mit der neuen Orgel der Marktkirche hatte Professor Karl Schuke sein drittes großes Instrument in der Region aufgestellt; die beiden anderen stehen noch heute im Braunschweiger Dom und in der Wolfenbütteler Marienkirche.

Disposition der Schuke-Orgel in der Marktkirche Goslar