Fester von Johannes Schreiter

Die moderne Glaskunst der Fenster im Hohen Chor sowie in der Wölbung der heute als Taufkapelle genutzten Apsis wurden in den Jahren 1992 bis 2000 von Johannes Schreiter aus Langen bei Frankfurt/Main geschaffen. Es handelt sich um Meditationsbilder - wie es Johannes Schreiter formulierte - "eine Aufforderung an die Gemeinde: Seid still und erkennt, dass ich Gott bin!" Die Glasfenster werden dominiert von dem "Klammer-Motiv". Dieses Motiv nennt Schreiter "eine Art Schicksalszeichen", ist Hinweis auf etwas Wichtiges. Nach oben oder unten geöffnet erinnert die Klammer an eine Schale, an Empfangen und Geben, ist Kürzel für die Hand, auch für die betende, und als pars pro toto für den Menschen.

Das biblische Motto der vier Fenster im gotischen Maßwerk (im Hohen Chor) stammt aus den Klageliedern Kapitel 3, Vers 41: "Lasst uns unser Herz samt den Händen aufheben zu Gott im Himmel". Die horizontalen Ebenen der Fenster beziehen sich auf die Ebenen des barocken Hochaltars, umschließen ihn wie ein bergender Mantel.
Das erste Fenster an der Nordseite (linke Seite) des Hohen Chores weist unten in den grauen Feldern eine Bruchzone, Linien der Verwerfung auf. Gerade dort finden sich auch "Klammern" in der licht-weißen Farbe des Horizontbandes. Andererseits sind diese eruptiven Linien auch noch ganz oben im Maßwerk zu finden. Dort reichen zwei Klammern in den "Horizont der Gnade" hinein. Weil die Nordseite der Marktkirche mit den romanischen Fenstern auf die beiden Ärzte und Namenspatrone St. Cosmas und Damian verweist, kann man bei diesen beiden Klammern an die beiden Zwillingsbrüder denken.
Das zweite Fenster wird weitgehend vom Hochaltar verdeckt und nimmt zugleich dessen Thematik auf: Hinter der Darstellung der Kreuzigung Jesu sind die Fenster flächig grau verglast. In der linken Bahn sind Klammern fast schwarz und nach unten geöffnet. "Das sind diejenigen, die nicht an die Vergebung glauben", sagt Johannes Schreiter. Die Mitte das Fensters nimmt die größte Klammer aller Fenster ein, die "Christusklammer". Sie verbindet die untere Grauzone mit der oberen gold-gelben. Ganz oben im Maßwerk ragt das "leere Grab" als Rechteck in das weiße Band des Horizontes hinein. In der gleichen Höhe steht auf dem Altaraufsatz die Skulptur des Auferstandenen.
Im dritten Fenster treten zwei zentrale Aussagen hervor: Da ist oben in der Kreisfläche im Maßwerk zunächst die "große Wunde" zu sehen, Ausdruck für die Grundbefindlichkeit unserer Welt. Die zweite zentrale Aussage hat ihren Ort unten rechts, wo in vielen alten Bildern der Endzeit und des Gerichts der Drachen sitzt oder sich der Schlund der Unterwelt öffnet: eine übergroße dunkle Klammer schüttet sich nach unten aus und reißt eine ganze Fensterbahn mit sich hinab ins tiefe Schwarz.
Das vierte, schmalere Fenster des Hohen Chores ist aus der Entfernung in der Längsachse der Kirche nicht zu sehen, da es bereits die Südseite, die Taufseite der Marktkirche öffnet. Auch in der Verglasung hat Johannes Schreiter seine Sonderstellung unter den vier Fenstern deutlich gemacht: Es hat keine Grauzone und verweist so auf das ungebrochene göttliche Heil. An der rechten Seite zieht sich in ganzer Länge ein schmales türkis-blau-weißes Band entlang und erscheint wie der Fluss Jordan im Heiligen Land.

Beim Entwerfen der Motive der beiden Südfenster des Hohen Chores (rechte Seite) war es das Anliegen von Schreiter, das Reich Gottes durch Bildmetaphern zu deuten, die Licht, Herrlichkeit, Ordnung und Frieden beinhalten. Steht die Verglasung der gotischen Chorfenster unter dem Motto von Klage und Trost, bildet also vorrangig Menschen ab, der sich in Not und Unerlöstheit an Gott wenden, so leben die beiden "romanischen" Fenster vom Schauen: wie in der biblischen Vorstellung vom "Himmlischen Jerusalem", die Leitvorstellung der Romanik war, öffnet sich in den beiden Fenstern bereits ein Blick in die gegenwärtige und zukünftige Wirklichkeit Gottes, in sein himmlisches, messianisches Reich. Das Reich Gottes ist getragen von den beiden (Licht-)Säulen Gerechtigkeit und Frieden, wie es der Apostel Paulus im Römerbrief Kapitel 14, Vers 17 beschreibt: "Das Reich Gottes ist ... Gerechtigkeit und Friede in dem Heiligen Geist."
Die Risse und Sprünge weisen in der Formensprache Schreiters darauf hin, dass die zeitlose, himmlische Wirklichkeit sich schon in der Historie der Welt konkretisiert.
Das Blau (Symbol-Farbe des Wassers) weist erneut auf das Geschenk des Heils kraft der Taufe hin. Durch dieses Blau, aber auch "durch die innere Größe der monumentalen Formen (der Glaskunst), wird eine sinnvolle Überleitung zu dem äußerst knapp formulierten Tauffenster hergestellt" (Schreiter).

Im Tauffenster verbinden sich mit der zeitgenössischen Ergänzung der romanischen Engelscheibe (um 1250) moderne und mittelalterliche Glaskunst. Auf kongeniale Weise ordnet sich hier Schreiter der Vorgabe unter: der Engel, der in ausdrucksvollen Gesichtszügen gezeichnet ist, ruht nun auf einer Säule.

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