160 Jahre Turmuhr der Marktkirche


Die Reden zur Eröffnung der Ausstellung am 17.April 2009



Rede von Pfarrer Ralph Beims

Sehr geehrte Damen und Herren!

Im Namen der Marktkirchengemeinde heiße ich Sie alle herzlich willkommen zur Eröffnungsveranstaltung zur Ausstellung "Zeitansage in Goslar - 160 Jahre Weule-Uhr im Turm der Marktkirche".

"Zeitansage in Goslar"

Was ist eigentlich Zeit?

In jedem Falle etwas Kulturelles! Zeit ist eine Verlängerung von Moment und Augenblick. Zeit ist gebunden an Existenz. Zeit ist das gegenüber zur Ewigkeit … … und ist damit auch Gegenstand von Religion.

Das vielleicht berühmteste biblische Wort zur Zeit steht im Ersten Testament, im Buch Prediger Kapitel 3:

Alles hat seine Zeit und jegliches Vornehmen unter dem Himmel seine Stunde.

Geborenwerden hat seine Zeit, und Sterben hat seine Zeit;

Pflanzen hat seine Zeit, und Gepflanztes ausreißen hat seine Zeit.

Töten hat seine Zeit, und Heilen hat seine Zeit;

Zerstören hat seine Zeit, und Bauen jegliches hat seine Zeit.

Weinen hat seine Zeit, und Lachen hat seine Zeit;

Klagen hat seine Zeit, und Tanzen hat seine Zeit.

Steine schleudern hat seine Zeit,

und Steine sammeln hat seine Zeit;

… und es geht es beim Prediger noch eine Zeit lang weiter. Der Schlag der Kirchturmuhr macht die Zeit hörbar. Ihr Schlag dient schlicht der Orientierung - ist ein Klang der Heimat. Ihr Schlag ist aber auch Zeitansage, mahnt:

Carpe Diem - ergreife den Tag - denn Deine Zeit ist bemessen!

Zeitansage ist auch Lob Gottes und Versprechen …

… denn so heißt es beim Prediger:

Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch die Ewigkeit hat er in der Mensche Herz gelegt.

Die Marktkirchuhr - die heutige Jubilarin - ist nicht mitten unter uns, sondern … das kann man wirklich nicht immer sagen … sie befindet sich gut 50 Meter über uns!

Diese Uhr, um die es heute gehen soll, ist ein wahres Prachtstück! Sie ist - ab 100 darf man das Alter ja wieder offen nennen 160 Jahre alt!

Genau genommen existiert sie sogar an die 161 Jahre - aber im Mai 1849 fand sie ihren Platz im Nordturm der Marktkirche … Die Turmuhr gibt es also schon länger als den Turm, der nämlich im Jahre 48 noch nicht bezugsbreit war. Aber über die Turmuhr - vor allem über ihre Bedeutung für die Firma Weule / Bockenem werden wir gleich im Anschluss an meine Begrüßung aus berufenem Munde hören, nämlich von Jörg-Dieter Besch vom Turmuhrenmuseum Bockenem.

Eine junge Mutter fragte - als sie uns beim Aufbau der Ausstellung antraf, ob denn die Turmuhr wieder ginge … denn sie träge keine Armbanduhr … und sie verlasse sich normalerweise voll auf die Turmuhr!

Ein Satz, der bei Ihnen, Herr Wilde, runtergehen muss wie Öl! Denn Sie sind für uns der Garant dafür, dass auf die Marktkirchuhr Verlass ist … Sie kennen die Jubilarin wahrscheinlich am besten und intimsten und werden zu uns speziell über diese Uhr sprechen.

Davor allerdings wird Ihre Frau, Regine Wilde, geb. Böttcher, kurz von persönlichen Erlebnissen rund um die Turmuhr berichten. Denn die Wartung und Betreuung der Uhr liegt seit Generationen bei der Familie - ich sage mal - Böttcher/Wilde.

Nach einigen Worten des Dankes wollen wir dann zu ihr hinauf gehen - ab in die Höhe - und uns das frisch gereinigte und polierte Uhrwerk anschauen und von Gerhard Wilde erläutern lassen.


Turmuhrerlebnisse von Regina Wilde (bitte klicken)


Uhr-Zeit von Gerhard Wilde

Erste Räderuhren - zunächst im kirchlichen Umfeld - lassen sich nachweisen im 13. Jahrhundert, also vor rund 800 Jahren.Gegen Ende jenes Jahrhunderts wird bereits aus fast allen wichtigen Städten Europas von Turmuhren berichtet. Im 16. Jahrhundert finden sich dann auch in kleineren Städten solche Uhren, meist auch mit Schlagwerk. Üblicherweise fanden sich an den kirchlichen Bauten auch Sonnenuhren. Offenbar dienten diese - sofern die Sonne schien - zum Abgleich der mechanischen Uhr, die bis ins 17. Jahrhundert hinein nur einen Stundenzeiger hatte.

Viele kluge Köpfe hatten sich mit der Verfeinerung der Technik befasst: Eisengeschmiedete Bauteile ersetzten das ursprüngliche Holz. Die Hemmung - das gangregelnde Teil der Uhr - entwickelte sich von der Spindelhemmung hin zu verschiedenen Formen der Anker-Hemmung. Als Pendelstange findet Holz und Eisen Verwendung. Als Gewichte gab es zunächst Feldsteine, dann Eisenbehälter mit Füllung aus Sand und Steinen, dann Eisenguss - meist in Scheiben.

Um 1690 gab es bereits hier in Goslar mindestens eine solche Uhr, im Stadtarchiv findet sich eine Rechnung eines Uhrmachers "...für das Stellen der Uhr auf St. Aegidien..." : also Marktstraße, heute gibt es hier Gastronomie. Die mit dem Kirchenbrand hier vernichtete Uhr dürfte etwa so ausgesehen haben wie zum Beispiel dies Stück aus dem Goslarer Museum.

Die beginnende Industrialisierung Europas in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts führte zu einem Entwicklungssprung der Technik. Die 1840er Jahre waren für Uhren eine produktive Zeit, auch die Uhr des Big Ben in London entstand in dieser Zeit. Die erste von J. F. Weule entwickelte und gebaute Uhr steht hier auf dem Nordturm der Marktkirche. Diese Uhr zeigt einige Raffinessen, die damals noch nicht Allgemeingut waren:

Die verschraubte, nicht verkeilte Skelett-Bauweise mit handgeschnittenen Gewinden, die nicht untereinander austauschbar sind - alle Muttern sind deshalb mit den entsprechenden Schraubbolzen durchnummeriert - Das doppelte Gehwerk, das den Minutensprung des Zeigerwerks ermöglicht Die Ankerhemmung in eigener Graham-Weiterentwicklung Der Aufzug über innenliegendes Planeten-Getriebe Die verschiedenen Verzahnungen - je nach Übersetzung Die Materialwahl: Messing wo nötig, Bronze wo möglich, dabei reichliche Materialstärken, Der hochwertige Stahlguss für Wellen und Hebel.

Nach Umbau der Uhr auf elektrischen Aufzug im Jahre 1946 entfiel das tägliche Aufziehen. Da das Stahlpendel auf Temperatur-differenzen reagiert, ergeben sich wöchentliche Gangtoleranzen im Sekundenbereich. Dies führt dann zu meinem mindestens 1 x wöchentlichen Turmaufstieg.

Im langjährigen Betrieb ergibt sich diese regelmäßige Nachregulierung, Zeitumstellung "Sommerzeit", dazu die Wartung und Überwachung aller Funktionen. Unregelmäßige Einsätze ergeben sich bei Reißen von Seilen zu den Glocken bis außen unter der Turmhaube.

Abschließend ergibt sich die Erkenntnis, dass wir eigentlich hier mit dieser Weule-Uhr nicht nur ein technisches Denkmal haben, sondern auch eine in heutiger Zeit, die ganz andere Bedingungen und Möglichkeiten bietet, durchaus angemessene Zeitangabe liefern.

Gerhard Wilde