Verabschiedung von Propst Helmut Liersch

Ein Rückblick auf seine Arbeit in der Propstei und der Marktgemeinde



Verabschiedungsrede von Landesbischof Friedrich Weber
Abschiedspredigt von Helmut Liersch
Festgabe - Geistliche Impulse, Predigten, Reden


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Samstag, 3. September 2011, 15.00 Uhr,

Marktkirche Goslar

Festgottesdienst

zur Verabschiedung von Propst Helmut Liersch

durch Landesbischof Dr. Friedrich Weber

Es wirken u.a. mit: Goslarer Kantorei, Posaunenchöre der Gemeinden Markt und Frankenberg

Im Anschluss an den Gottesdienst laden Propstei und Marktgemeinde zu einem Imbiss in der Marktkirche ein!



Synodenarbeit mit Propst Helmut Liersch

Ein etwas wehmütiger Rückblick

Beim Eintritt in sein Propstamt haben wir Helmut Liersch eine Handvoll Wünsche mitgegeben, die auch als Anregungen und - wenn das bei einem solchen Mann nötig ist - als Ansporn für seine Arbeit verstanden werden sollten. Wir haben ihm eine Gemeinde, eine Propstei, eine Kirche gewünscht, die dem Leben der Menschen dient, deren Türen weit geöffnet sind, die den Menschen Glaubenserfahrungen ermöglicht, die nicht unauffällig im Strom der Zeit mit schwimmt, sondern Stellung nimmt. Mag er selbst die Schwerpunkte auch etwas anders gesetzt haben, so sind diese Linien doch in unserer gemeinsamen Synodenarbeit deutlich sichtbar geworden.

Beherzt angepackt hat er das viele Schwierige, das er sich gelegentlich wohl lieber vom Halse gehalten hätte: unerfreuliche Personalangelegenheiten, delikate Verhandlungen mit dem Landeskirchenamt, behutsame Korrekturen in die Gemeinden hinein. Wichtiger waren ihm freilich - so scheint mir - die geistlichen Aspekte seiner Arbeit: die einfühlsam-zuspitzende Predigt, das theologische Gespräch, die geistliche Leitung und Anregung in einer Kirche, die zeitweise fast nur noch auf Finanz- und Strukturfragen fixiert schien.

Das waren auch "meine Themen", hier trafen sich unsere Interessen. Und so war unsere Zusammenarbeit in Synode und Propsteivorstand von einem Gleichklang getragen, wie ich ihn bisher auf keinem Arbeitsfeld gefunden habe.

Helmut Liersch hat - neben allen nötigen strukturellen Aufgaben - die geistliche Arbeit der Propstei immer wieder in den Mittelpunkt gerückt. Dabei hat er weitherzig alle Aktivitäten unterstützt, die in diese Richtung liefen. Nicht nur in Predigten, Gedanken zum Sonntag und theologischen Gesprächsrunden hat ihn die Frage umgetrieben, wie man die christliche Botschaft in unserer Zeit glaubwürdig aussagen könne. Mit großer Gelassenheit hat er auch in der Synode "viele Blumen blühen lassen". Nur gelegentlich dämpfte diese gelassene Weisheit die Ungeduld des 10 Jahre Älteren.

Viele Themensynoden, die Fragen an den Glauben und unsere Glaubenspraxis neu weckten, hat er mitgetragen und angeregt. Und dies gerade an Stellen, an denen unsere Kirche "kitzlig" ist, zum Beispiel in den Bereichen, die in der "Neuen Reformation" von Klaus Douglass oder in den "Notwendigen Abschieden" von Klaus-Peter Jörns berührt werden.

Die Rede von dem allgemeinen Priestertum aller Getauften hatte für ihn ihren Platz nicht in Sonntagsreden, sondern im Gemeindealltag. Deshalb hat der Wunsch, Begabungen und Talente in den Gemeinden besser wahrzunehmen und ihre Entfaltung zu fördern, auch seine Arbeit in und mit der Synode immer bewegt.

Sehr am Herzen lag ihm daher die geistliche Gemeindeleitung, der Versuch also, die Gemeinden so zu leiten, dass die Menschen in der Gemeinde ihren Glauben leben und in ihm wachsen können und dass auch der Kirche Fernstehende etwas vom christlichen Glaubensweg erfahren. Dies wollte er unter breiter Beteiligung möglichst vieler Menschen in den Gemeinden fördern. Das Vorhaben der Goslarer Propsteisynode, dazu die "geistlichen Schätze" der Gemeinden zu sammeln und vor allen Interessierten auszubreiten, hat er lebhaft unterstützt und mitgetragen. Und ich glaube, er war stolz auf unsere "Schatzkiste", in der sich so viel Lebendiges und Kreatives aus den Gemeinden fand - und das hoffentlich nicht verloren geht.

Ebenso gefördert hat Helmut Liersch die Arbeit der AGProGo, einer Gruppe von Laien, die im Auftrag der Synode ebenfalls an diesem Thema gearbeitet und die Gemeinden beispielsweise angeregt hat, sich durch die Arbeit an einem Leitbild zu vergewissern: Was tun wir eigentlich? Wieweit dient dies dem Ziel, Menschen in den Glauben hineinzuführen?

Offene Türen rannte man bei ihm mit dem Wunsch ein, in der Synode auch die drängenden sozialen Fragen unserer Gesellschaft aufzunehmen und sie vom christlichen Glauben her zu beleuchten. Ob es das Thema "Situation der Arbeitslosen" oder "Gewalt bei Jugendlichen", "Bleiberecht von Ausländern" oder "Irak-Krieg" war - er schaufelte dafür Synodentermine frei und setzte sich dafür ein, sachkundige Referenten aufzuspüren. Das gilt auch für ökologische Fragen, zum Beispiel das Thema "Schöpfungsverantwortung - Ethik - Nachhaltigkeit", das wir mit Hilfe von Günter Altner bearbeitet haben. Mehrfach mündeten diese Veranstaltungen in Resolutionen, die in der Öffentlichkeit einige Beachtung fanden.

Die Denkschrift der EKG, die unter dem Stichwort "Zwölf Leuchtfeuer" bekannt geworden ist, hat er nicht mit ungeteilter Begeisterung begrüßt. Gleichwohl war er voll einverstanden, sie als Grundlage zweier gehaltvoller Synoden zu wählen und dabei gute Ansätze der Denkschrift sichtbar und fruchtbar zu machen.

Die Arbeit an der Propsteistrukturreform hat Helmut Liersch nicht nur in dem landeskirchlichen Ausschuss und im Pröpstekonvent vorangetrieben. Vielmehr hat er sie auch "geerdet", indem er über die Synode alle Gemeinden der Propstei nach ihrer Meinung zur Kooperation innerhalb der Propstei befragte. Dies hat bei vielen zu der Erkenntnis geführt, dass die "geistliche Vernetzung" innerhalb von Propsteien unerlässlich ist und durchaus noch verbessert werden kann. Ertrag dieser Aktion war unter anderem der Entwurf einer umfassenden Beschreibung der Propsteiaufgaben, in der die Vielfalt der schon vorhandenen Aktivitäten gebündelt und geordnet wurde.

Vieles andere könnte man noch nennen. Dies soll genügen.

Als wir zu Beginn seiner Amtszeit bei Freunden einem guten französischen Weißen zusprachen und man ihm nachschenken wollte, sagte Helmut Liersch: "Nein danke, ich gehe jetzt auf Wasser". Dies Versprechen hat er nicht gehalten; für Wunder fühlte er sich nicht zuständig. Aber das Machbare voranzutreiben und dabei mit der Fantasie immer ein Stück weiter zu sein, das war für uns Wunder genug.

Ich danke Dir, lieber Helmut - so darf ich es zum Schluss ganz persönlich sagen - für eine anregende, bewegende, Raum lassende Zusammenarbeit. Und ich wünsche Dir, dass Du mit Gottes Segen und mit der kraftvollen geistlichen Unterstützung Deiner Frau nun im Ruhestand weiter wirken und das Leben feiern kannst.

Dr. Hans W. Schünemann
Vorsitzender der Propsteisynode
von 1999 bis 2007


Helmut Liersch als Pfarrer der Marktgemeinde

Fruchtbares Wirken in Gemeinde und Stadt

Von manch einem hin und wieder übersehen, ist das Amt des Propstes in Goslar auch mit einem pfarramtlichen Dienst versehen. Für Helmut Liersch war das immer selbstverständlich und es war ihm wichtig Pfarrer zu sein. An einige Wegmarken seines Dienstes in der Marktgemeinde sei hier erinnert.

Kurz nach seinem Amtsantritt 2000 gründete Helmut Liersch den Theologischen Gesprächskreis neu und leitete diesen mit großem Engagement und akribischer Vorbereitung. Ausgehend von den Texten der Bibel, die erst einmal gelesen sein wollen, sah er seine Aufgabe darin, einen Bogen zu spannen bis in die Gegenwart, über geschichtliche und theologische Hintergründe zu informieren, aber auch die persönliche Lesart der Teilnehmenden ernst zu nehmen.

Die Fähigkeit, auf historische Zusammenhänge hinzudeuten und Querverweise in den Fokus zu rücken, schätzten auch die Mitglieder des Kirchenvorstandes bei den regelmäßigen Klausurtagungen des Kirchenvorstandes. Die beiden Brüder und Ärzte Cosmas und Damian, die der Marktkirche den Namen gaben, wurden von Helmut Liersch in allen erdenklichen Formen aufgespürt, ob als Postkarte, Fotografie, Gemälde oder in der Literatur - er fand sie! Er leitete den Arbeitskreis "Cosmas und Damian", in dem sich Vertreterinnen und Vertreter der Ärzte - und Apothekerschaft trafen, um ein Mal im Jahr einen Vortrag zu einem Thema der Gesundheits-Ethik anzubieten. Landesbischof Prof. Dr. F. Weber, Prof. Dr. D. Grönemeyer und Prof. Dr. K. Tanner waren u.a. als Vortragende zu Gast in der Marktkirche. Als historisch interessierter und versierter Theologe organisierte Helmut Liersch die Amsdorfabende, die sich mit Themen rund um die Reformation beschäftigten und feierte mit Mitgliedern des Rates der Stadt Goslar und der Gemeinde die traditionellen Ratsgottesdienste, bei denen vor allem gesellschaftspolitische Themen im Fokus standen.

Dass der Nordturm der Marktkirche wieder für die Öffentlichkeit begehbar wurde, verdankt die Gemeinde auch dem Lionsclub Goslar-Rammelsberg, in dem Helmut Liersch Mitglied ist. Das Projekt "Ab in die Höhe" brachte den entscheidenden Schwung in die Turmpläne. Der Nordturm ist seitdem ein touristisches Highlight in Goslar. Mit der von Imogen Liersch und Dierk Landwehr entwickelten Veranstaltung "LiteraTurm", in der Literatur und Musik auf Stufe 122 zu hören sind, wurde der Nordturm auch zum Veranstaltungsort.

Durch die Verbindung von Ehepaar Liersch nach Südtirol ergab sich nach einer Ausstellung der Erwerb der Christusfigur von Jakob Oberhollenzer für die "Taufkapelle" der Marktkirche.

Die Restaurierung und theologische Deutung der Marktkirchenkanzel war Helmut Liersch eine Herzensangelegenheit.

Die Marktkirchenbibliothek - in ihren Beständen einmalig in der Region - hat sich stets seines besonderen Interesses und seiner Betreuung erfreuen dürfen.

Propst Helmut Liersch war in seiner Zeit in der Marktgemeinde auch als Autor und Herausgeber tätig. Von seinen Publikationen ist besonders das Buch "Kirche in der NS-Volksgemeinschaft" hervorzuheben, das sich mit der Rolle der Goslarer Kirchengemeinden in der NS-Zeit ausein-andersetzt.

Evangelisch zu sein ohne ökumenische Begegnungen - undenkbar für Helmut Liersch. Eine gute Beziehung zum katholischen Amtsbruder Dechant Kuno Kohn hatte er von Anfang an. Mit Ideenreichtum haben die beiden nicht nur am Vorabend zu Pfingsten beim Churchwalk die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Goslar zur Wette herausgefordert, sondern auch auf dem Grundriss des ehemaligen Goslarer "Domes" an Pfingstmontag ökumenisch Gottesdienst gefeiert.

Reisen nach Indien und Israel weiteten den ökumenischen Horizont des Theologen Helmut Liersch. Über zahlreiche Begegnungen, aber auch über bedrückende Erlebnisse berichtete er im vergangenen Jahr von der Studienreise ins Heilige Land. Bleiben nicht zuletzt die Gottesdienste zu erwähnen, die Helmut Liersch im Wechsel mit Pfarrerin Karin Liebl und Pfarrer Ralph Beims mit großer Sorgfalt in der Marktkirche gehalten hat. Insbesondere seine Predigten werden in guter Erinnerung bleiben!

Nach 11 Jahren als Propst und Pfarrer der Marktgemeinde in Goslar verabschieden wir am 3. September Helmut Liersch aus dem aktiven Dienst in den wohlverdienten Ruhestand.

Es war eine Zeit, die in mancher Weise, z. B. aufgrund der zurückgehenden Finanzmittel, nicht einfach zu bewältigen war, in der aber dennoch viel geschah.

Wir sagen Dank für seinen vielfältigen Einsatz für unsere Gemeinde und wünschen ihm und seiner Frau für die kommende Zeit Gottes Segen!

Pfarrerin Karin Liebl und Hans Mücke,
für den Vorstand der Marktgemeinde


Helmut Liersch geht … Ein Propst und ein Pfarrer!

"Für die Zukunft der Kirche sorgt Gott schon selber!"

Verabredet waren wir zum Interview mit Propst Liersch, um ihn anlässlich seines Abschieds im September für unseren Gemeindebrief zu befragen. Aus diesem Gespräch entwickelte sich sehr schnell eine theologische Lehrstunde. Die Hauptgedanken aus seinen - für uns hochinteressanten - Ausführungen geben wir im Folgenden wieder. Als Erstes interessierte uns, wann Helmut Liersch den Entschluss fasste, Pfarrer zu werden und ob es ein bestimmtes Ereignis gab, das ihn zum Theologiestudium führte.

Es zeigte sich, dass er einen ganz konsequenten Weg vom damaligen Schüler zum heutigen Propst gegangen ist. Als Schüler war Helmut Liersch in kirchlichen Jugendgruppen aktiv, u.a. im CVJM. In diesen Jugendgruppen wurde selbstverständlich auch Bibelarbeit, Bibelinterpretation betrieben. Diese Auslegungen waren zum Teil sehr dogmatisch ausgerichtet, was den Widerspruch des kritischen Schülers herausforderte. Er wollte "prüfen, ob das alles stimmt" und entschloss sich zum Studium der Theologie.

Für Herrn Liersch wurde es im 5. / 6. Semester 1968 (!) an der Eberhard Karls Universität Tübingen besonders spannend: Es herrschte der "Kampf um die Bibel" oder "Glauben contra Theologie". Sollte man die Bibel als "Gottes Wort direkt übernehmen" und so unangetastet lassen oder sollte "Gottes Wort der jeweiligen Zeit angepasst" werden? Es ging um eine "aufgeklärte Theologie", man wollte nicht nur glauben, sondern auch verstehen. "Im Glauben will ich die Vernunft nicht ausschalten, allerdings brauche ich dafür bestimmte Prämissen."

"Die 68er-Bewegung war eine Aufklärungsbewegung, eine Aufbruchzeit, wer damals bestehen wollte, der musste nicht nur seine Wissenschaft, sondern auch seine lebensgeschichtlichen Wurzeln ergründen, die eigene Existenz hinterfragen: Wo komme ich her? Wer bin ich? Wer waren meine Eltern? Hat die Kirche im Nationalsozialismus versagt? - typische 68er Fragen und das wollte man auch von den Professoren wissen …", so Propst Liersch.

Dieser Disput wurde auf höchstem theologischen Niveau geführt, lehrten damals in Tübingen doch so berühmte Theologen wie Moltmann, Käsemann (ein Schüler Bultmanns) und an der katholischen Fakultät (mit der evangelischen in einem Gebäude) die Professoren Ratzinger (der heutige Papst) und Küng. "Das war eine große Zeit, …unglaublich!" Neben dem Studium gab es eine enge Begleitung durch die "Heimatkirche". Der Student und spätere Vikar Liersch ist parallel zum Studium in die Praxis hineingewachsen, er spürte: "Meine Kirche erwartet mich, ich bin in ihr willkommen".

So führte der Weg gradlinig vom Gemeindepfarrer in Groß Elbe über das Direktorat des Predigerseminars in Braunschweig in die Propstei Goslar, als Propst und Pfarrer der Marktgemeinde.

Der theologische Disput bzw. Diskurs ist in der beruflichen Routine nicht untergegangen; so leitet Propst Liersch einen Theologischen Gesprächskreis, in dem heftig um die Auslegung von Bibelstellen gerungen wird. Ein Schwerpunkt darin die "Rechtfertigungslehre" Martin Luthers. Seine Erkenntnis, dass wir nicht durch unsere Werke, sondern "allein durch Glauben gerecht werden", sieht Herr Liersch als die Mitte des Evangeliums! "Es ist gefährlich, wenn man sich in der Menge der Bibelworte verliert und nur das heraussucht, was gerade passt." Aber genau das geschehe zu oft und das Eigentliche, die Mitte, drohe im gesellschaftspolitischen Diskurs unterzugehen.

Und wenn wir gerade bei Luther sind, kurz zur "Freiheit eines Christenmenschen": Gott lässt uns also "erst mal machen", in eigener Verantwortung, um "gemeinsam mit ihm Gottes Reich zu entwickeln", oder? "Ja, aber die Freiheit liegt nicht in der Zusage, dass unser Handeln gelingen wird, sondern in der Zusage, dass Gott uns trägt auf diesem Weg. Also: ich kann als Fußballer nicht für den Sieg beten, aber ich kann dafür beten, dass Gott bei diesem Spiel bei mir ist und mich auch in der Niederlage begleitet. Ich kann Gott nicht verpflichten, meine Ziele zu übernehmen. Ich bin aber frei zu handeln. Frei bin ich, weil ich nicht von der Zustimmung und der Begeisterung der anderen abhängig bin."

Diese Überlegungen führten zu der Frage, wo bzw. wie weit sich der Propst als öffentliche Person der Kirche in gesellschaftspolitische Probleme einmischen sollte, welche Felder sind besonders zu beachten, was ist tabu? Tabu, so Propst Liersch, sei für ihn ein parteipolitisches Positionieren. Er könne bei jeder Parteiversammlung eine Andacht halten und müsse keinem nach dem Munde reden, denn "ich sehe meine Aufgabe gerade nicht darin, zu sagen was richtig und was falsch ist oder was böse ist, das kann man aus unserem Grundgesetz herauslesen und das hat alles schon Eingang gefunden in die wesentlichen Gesetze unseres Staates. Die Aufgabe des Theologen ist es vielmehr, dem Menschen zu helfen, wenn er scheitert, wenn die Lasten zu groß werden, wenn es unmöglich scheint, dem Gesetz zu folgen; das gilt auch für Politiker. Das ist die seelsorgerliche Funktion des Theologen innerhalb des gesellschaftlichen Bestrebens".

Es könne auch mal die Position des Mahners, des Kritikers sein; das Wesentliche aber sei der scheiternde, der sich bemühende Mensch. "Dem sagt Gott: sei getrost, ich nehme dich an wie du bist. Es ist ja eine "Opfertheologie", die wir auch zurzeit wieder erleben. Es wird uns eingeredet, dass es immer Opfer gäbe, dass das so sein müsse, dass Menschen "auf der Strecke bleiben". In der Wahrnehmung des Propstes gibt es so etwas wie eine "gesell- schaftliche Opfertheorie": "unsere Gesellschaft ist offensichtlich zutiefst davon überzeugt, dass es ohne Opfer nicht geht".

"Aber", so der Propst, "das letzte Opfer ist gebracht, das habe ich zu verkündigen! - Nicht: Gott hat Jesus bestraft, sondern: Gott will nicht, dass ihr Opfer bringt, Gott will, dass ihr lebt. Und dass die Anderen leben. Das "du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" wird dann viel gefüllter, nicht eine banale "Sei-lieb-Regel", sondern es geht um Leben und Tod." Das zu verkündigen sei zwar eine Sisyphus-Arbeit, aber das sei sein Auftrag, "sonst hätte ich damit vielleicht schon aufgehört".

Also: "Wellness"- Predigten und "sozialpädagogische" Predigten sind nicht seine Sache.

Wie geht das überhaupt zusammen, Herr Liersch: ein differenziertes Predigt-Niveau nahe am Wort Gottes und eine klare für Jeden und Jede verständliche Botschaft des Evangeliums?

Zum einen kenne er die Gemeinde inzwischen ganz gut, zum anderen sei sein Grundsatz aus der Predigtlehre, "immer etwas oberhalb des mittleren Anspruches zu predigen". Drunter zu bleiben wäre zu leicht für die Zuhörerinnen und Zuhörer, auf die Dauer eher "abstoßend" nach seiner Erfahrung. Außerdem könne er es auch nicht.

Früher habe er oft mit "irgendeiner Anekdote" angefangen, die er zwar sehr sorgfältig ausgesucht habe und die auch zur Struktur des jeweiligen Predigttextes passte, aber: "ich habe gemerkt, dass man es wagen kann, direkt in den Text reinzugehen. Deswegen habe ich mich, je länger ich gepredigt habe, auf den Predigttext verlassen und bin direkt eingestiegen. Da ist so viel Leben drin, das sind ja Texte, die aus dem Leben entstanden sind, das muss man eigentlich nur wiederentdecken im Predigtext: die Auseinandersetzungen, Konflikte, Zweifel usw. - den Brühwürfel wieder trinkbar machen, wieder auflösen in seine Bestandteile, damit das wieder lebendig wird. Wenn ich mich dann bei der Vorbereitung einer Predigt mit dem Text beschäftige, dann begeistert mich das selber!"

Auf die Frage zur Familie und ihre Bedeutung für den Propst und Pfarrer Helmut Liersch als Vater und Ehemann: er sei sehr froh, dass beide Kinder der Kirche und dem Glauben sehr positiv gegenüber stünden, denn das sei nicht selbstverständlich. "Manchmal fühle man sich von etwas abgestoßen, wovon man im Elternhaus eine "Überdosis" bekommen habe." Bei seiner Antwort ist deutlich zu spüren, wie sehr Herr Liersch sich über die Entwicklung seiner beiden Kinder freut.

Und - er macht klar, wie wichtig es für ihn beruflich war, dass seine Frau "tendenziell denselben Weg gegangen ist wie ich: wir bereiten fast immer die Predigten gemeinsam vor" - und zitiert hinsichtlich der großen Bedeutung, wesentlichen Rolle und tiefen Wertschätzung seiner Frau einen Satz zum Abschied als Pfarrer in Groß Elbe und erneuert und vertieft damit seine Würdigung für die Zeit als Propst und Pfarrer in Goslar: "Und bei all dem war meine Frau völlig entscheidend wichtig, wenn man so will, das war das Geheimnis hinter allem."

Die freie Zeit im Ruhestand möchte Propst Liersch kreativ nutzen mit Schachspielen, Zeichnen, Fotografieren, Dichten, ein Buch über Henrici schreiben und vor allem längere Phasen mit den Kindern und Enkelkindern verbringen.

Am Schluss des Interviews stand die Frage nach seiner Einschätzung zur Perspektive der Kirche und der Entwicklung des christlichen Glaubens. Seine Antwort: "Die Kirche wird bleiben, weil sie die Verheißung hat. In welcher institutionellen Gestalt sie überleben wird, ist völlig offen, denn die Gestalt der Kirche ist nicht Inhalt des Glaubens. Für die Zukunft der Kirche sorgt Gott schon selber!"

Wir danken dem Menschen, dem Propst und dem Pfarrer Helmut Liersch für das offene, klare und pointierte Gespräch und wünschen ihm und seiner Frau alles Gute und eine erfüllte, geistig und geistlich kreative Zeit.

Dierk Landwehr und Dieter Schütze